The Raid (2011)

Es kommt nicht so oft vor, dass ich mir einen Film innerhalb kurzer Zeit zweimal angucke. Von den meisten storytechnisch guten Filmen kennt man auch den entscheidenden Twist bereits, sodass die Luft beim zweiten Mal einfach schon raus ist. Bei ‚Inglorious Basterds‘ damals lag es an der miesen deutschen Synchro, die einen dazu gezwungen hat, sich den Streifen noch einmal auf Englisch zu geben. Da ging es aber auch nicht so sehr um die Handlung, die bei Quentin Tarantino sowieso zweitrangig ist. Dort sind es einfach die Dialoge. Aldo Raine klingt im Deutschen wie ein weichgespühltes Würstchen und gerade hier wird einem klar, wie wichtig die Stimme beim Schauspielern ist und ein Brad Pitt einfach mal ein guter Schauspieler ist. Doch was hat Inglorious Basterds nun mit ‚The Raid‘ gemein? Die Antwort ist schockierend: so ziemlich gar nichts. In dem indonesischen Actionfilm gibt es keine erinnerungswürdigen Dialoge oder auch nur den Hauch einer Handlung. Die Protagonisten sind alle belang- und hirnlos sowie wenig sympathisch. Warum sollte man sich dann nochmal 100 Minuten hineinstürzen? Die Antwort ist noch viel schockierender: weil ‚The Raid‘ die geilsten Kampfpassagen hat, die es gibt.

Man könnte den Film irgendwie auch als Gewaltporno empfinden. Aber damit tut man ihm Unrecht. Es fließen Unmengen an Blut und es werden unheimlich viele Arme und Genicke gebrochen, aber das passt hier rein und ist nicht so grundlegend vordergründig wie bei ‚Hostel‘ oder ‚Saw‘, die hoffentlich nicht weiter fortgesetzt werden. Es ist schlicht und ergreifend Kampfkunst. Jedoch nicht poliert und mit einem Lächeln. Hier wird dreckiges Muay Thai mit Messern und Waffen gefochten, weil man am Leben bleiben will. Warum eigentlich?

Rama (Iko Uwais) ist ein junger Polizist eines Sonderiensatzkommandos. Kurz von seiner hochschwangeren Frau verabschiedet, muss er auf einen so gefährlichen wie bescheuerten Einsatz: Zusammen mit seinen Kollegen soll er ein fünfzehnstöckiges Hochhaus stürmen, in dessen Spitze ein gefährlicher Gangsterboss über alle Einwohner schaltet und waltet. Der anfangs gut verlaufende Einsatz wird schnell zum Desaster, weil keine Verstärkung kommt und man den Feind unterschätzt hat und weil Storytwist….

Und was sich jetzt noch irngedwie sinnvoll anhört, liegt daran, dass ich es so nett zusammengefasst habe. Die Story ist wirklich blöd. Natürlich gibt es einen Twist und ein käßiges Ende. Unser Held Rama ist zudem ein kleiner Idealist, der nicht mal seine Uniform ablegt, um seinen Arsch zu retten. Das ist ungefähr so schlau, wie nackt und voller Blut in ein Haifischbecken zu springen. Seine Kondition würde außerdem jeden Doping-Kontrolleur auf den Plan rufen. Das ist nämlich teilweise unmenschlich. Aber was solls. Über die knapp eineinhalb Stunden gibt es höchstens 10 bis 15 Minuten an Handlung und Dialog, die wie ein lästiges ekliges Brot das leckere Innere eines Sandwiches einrahmen.

Kommen wir zum Guten: Die Kämpfe. Anfangs noch in Form von Schießereien, gehen scheinbar bald die Patronen aus und dann wird auf eine Art und Weise geschlagen, getreten und gehackt, wie man es sonst noch nirgedwo gesehen hat. Es geht dann mit geschmeidigen Choreographien durch Gegnermassen. Da sieht sogar der gute Old Boy alt aus. Dabei sind die Fights nie Slapstick-mäßig wie bei Jackie Chan. Hier herrscht ein Grad an Realismus und Brutalität, dass es einem einfach kalt den Rücken runterläuft. Rama rammt einem Gegner ein Messer in den Oberschenkel. Normalerweise sieht man in anderen Film nicht viel mehr, höchstens noch ein wenig Blut. Doch in ‚The Raid‘ wird dieses Messer dann auch noch bis zum Knie durchgezogen und man fühlt den Schmerz schon halb mit. Mehrere Tötungs-Sequenzen sind noch viel drastischer und bleiben realistisch. Und es heißt schon was, wenn nicht einmal Jackie Chan bei mir so viel Adrenalin hervorgerufen hat. Der finale Kampf bietet auch noch einmal eine Reihe von unglaublich tollen Techniken und Bewegungen, dass einem als Kampfsportfreund einfach der Mund offen stehen bleibt.

Und das ist ‚The Raid‘. Ganz viel tolle Kampfkunst verpackt in Schwachsinn. Aber ganz ehrlich, der Unterhaltungswert ist so hoch, dass es mich nicht gestört hat. Die Geschichte selbst soll dann in Form einer Trilogie fortgesetzt werden und bereits jetzt steht wohl schon fest, dass Hollywood ein Remake plant. Wer erfolgreich sein Gehirn ausschaltet, wird auf jeden Fall belohnt. Sollte man Kampffilme nicht mögen und bei ein wenig Blut ohnmächtig werden, dann könnte einem die Razzia auf den Magen schlagen. Das ist eine ernsthafte Warnung. Jemand, der Gewalt in Filmen verabscheut, wird hier nicht glücklich. Es sei jedoch angemerkt, dass hier die Gewalt nicht dazu dient, jungen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen wie eben bei Gewaltpornos. Man sieht hier Kampfkunst der Extraklasse, wie man sie niemals von Hollywood oder sonst irgendwem serviert bekommen würde. Und die macht auch beim zweiten Schauen noch Spaß.

Regie: Gareth Evans (Merantau, Footsteps)

Schauspieler: Iko Uwais, Joe Taslim, Donny Alamsyah

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