Die fabelhafte Welt der Amélie (2001)

Gerne sagt man französischen Filmen nach, dass sie künstlerisch und sentimental sind. Und dabei einen gewissen Anspruch an den Intellekt des Zuschauers stellen. Das trifft durchaus auch auf ‚Die fabelhafte Welt der Amélie‘ zu. Man erkennt, dass eben nur Frankreich so eine Art Film hinbekommen kann. Natürlich soll das nicht böse gemeint sein, aber der Stil ist unverkennbar und polarsiert dabei. Und das ist allemal besser als die übliche Hollywood-Verwurstungs-Maschine, die dermaßen massentaugliche Ware am laufenden Band produziert, dass man längst den Überblick über den ganzen Michael Bay-Blödsinn verloren hat. Nichtsdestotrotz sticht dieses Werk von Jean-Pierre Jeunet heraus und war auch nicht umsonst für 5 Oscars nominiert. Und das gerade mal mit einem Budget von 10 Millionen Dollar.

Im Grunde ist Amélie einzweistündiger  Liebesfilm. Die vereinsamte und melancholische, trotzdem jedoch ziemlich hübsche Amélie Poulain (Audrey Tautou) lernt dabei über Umwege bei ihren Weltverbesserungsversuchen den chaotischen Nino Quincampoix (Mathieu Kassovitz) kennen und lieben. Und das ist tatsächlich grob umspannt die gesamte Handlung. Aber ‚Die fabelhafte Welt der Amélie‘ lebt eben gerade nicht von der Geschichte, sondern von den beteiligten Personen.

Praktisch jeder Protagonist wird charakterisiert und auf liebevolle Art und Weise in die Geschichte miteinbezogen. Jean-Pierre Jeunet nimmt sich ganz viel Zeit, um allerlei Nebensächlichkeiten auf fantasievolle Art und Weise darzustellen. So werden alle Leute quasi mit kurzen Steckbriefen eingeführt. Ob dabei erläuftert wird, dass Amélie das Gefühl ihrer Finger in den Sonnenblumenkernen vor ihrem Gemüsehändler mag oder ob ihr Vater es liebt, seinen Werkzeugkasten zu reinigen, jeder und jede ist einzigartig und wichtig. Dabei wirkt keine Information unnötig, egal wie nebensächlich sie doch eigentlich ist. Und so spannt sich ein komplexes Universum aus Persönlichkeiten auf, die alle etwas Besonderes sind. Dasss nicht jeder perfekt ist, sollte klar sein. Aber trotzdem vermag es der Film, einem den Eindruck zu vermitteln, dass man selbst auch nicht einfach nur ein Zahnrädchen in einer kalten Gesellschaft ist. So entfaltet sich eine gewisse Magie, der man sich nur schwer entziehen kann.

An einigen Stellen hat der Film durchaus Ähnlichkeiten mit einem Märchen. So werden in einer Szene die Gegenstände in Amélies Schlafzimmer lebendig und unterhalten sich miteinander. Das hat keinen Einfluss auf die Handlung und passiert auch nur ein einziges Mal, macht aber die Liebe zum Detail und die fantasievolle Zeichnung der Charaktere deutlich und wirkt nicht wie ein Fremdkörper. So bricht der Film mit den üblichen RomComs. Dabei dürfte auch gleichzeitig klar sein, dass Freunde von explodierenden Helikoptern und blutigen Auseinandersetzungen hier an der falschen Adresse sind. Trotzdem sollte man den Film gewähren lassen, denn wenn man sich einlässt, wird man merken, dass alle, Schauspieler wie auch der  Regisseur große Freude an den Rollen und Geschichten hatten.

Amélie ist dabei eine Weltverbesserin, die versucht, ihren Mitmenschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Dabei vernachlässigt sie ihr eigenes Glück. Hier schlägt der Film gerne mal auch sehr melancholische und traurige Töne an, die einen sofort packen und an dem emotionalen Karussell teilnehmen lassen. Selten hat mich eine Romanze, gerade zum Ende hin, so mitgenommen. Hier wird nicht im Stile eines Til Schweigers eine kitschige wie auch banale Liebelei in ein süßliches und Diabetes verursachendes Happy End ertränkt. Das muss man schon mal hinbekommen. Denn auch wenn dies hier eine Komödie ist, gibt es genug Tiefe. Dabei wird nicht jedes Schicksal aufgeklärt, sodass letztendlich Amélie mehr in den Vordergrund rückt. Das muss man nicht unbedingt mögen, stören tut es jedoch auch nicht unbedingt.

‚Die fabelhafte Welt der Amélie‘ ist ein toller Film. Voller Fantasie und mit ganz viel Liebe gemacht. Vielleicht sollten sich die ganzen Schweighöfers und Schweigers hierzulande mal ein Beispiel daran nehmen und nicht die Standard-Schmonzetten-Kost immer wieder von neuem auflegen. Kitsch gehört eben nicht zwangsläufig in romantische Filme und chaotische Handlungen sind nicht nötig, wenn einen die Charaktere interessieren. Vielleicht ist es ja oft die Liebe zum Detail, die den französischen Film so viel populärer macht als den deutschen. Dass natürlich nicht alles aus Frankreich auch wieder gut ist, hat in den letzten Jahren Gérard Depardieu eindrucksvoll bewiesen (Diamant 13, 36, Babylon A.D.). Trotzdem, Amélie ist großartig und uneingeschränkt weiterzuemphelen.

Regie: Jean-Pierre Jeunet (Alien – Die Wiedergeburt, Mathilde, Die Stadt der verlorenen Kinder)

Schauspieler: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Jamel Debbouze

Bewertung: