The Act of Killing (2012)

Es gibt Filme, Serien und Bücher, die einen so mitnehmen, dass man erst einmal dasitzt und nicht so recht weiß, ob schon mit dem normalen Leben fortgefahren werden kann. Man ist geschockt, erschüttert und hat noch nicht den Elan, wieder in das Tempo des Alltags zurückzukehren. Wie kann sich die Welt trotz des Gesehenen weiter in ihren gewohnten Bahnen bewegen? Skandal! Bei Game of Thrones ging es mir nach einer speziellen Folge so. Und mit The Act of Killing hat es sogar eine Dokumentation geschafft, mich so aufzurütteln, dass ich über das Gesehene erst einmal gründlich nachdenken musste. Auch weil des Erlebte in dieser Form einzigartig ist. Und verstörend.The Act of Killing

Nach einem gescheiterten Putschversuch in Indonesien 1965 begann die Verfolgung, Verschleppung und Vernichtung von Kommunisten im Land. Teilweise bis 1968. Hierzulande wird man wohl kaum etwas davon wissen. Trotzdem fielen ungefähr eine halbe Million Menschen diesem Pogrom zum Opfer. Oder waren es eine Million? Vielleicht zwei? Niemand weiß das so genau. In indonesischen Geschichtsbüchern werden die Zahlen gering gehalten und die Kommunisten als bestialische Ungeheuer dargestellt, die um jeden Preis vernichtet werden müssen. Bis zum heutigen Tag. Joshua Oppenheimer, der Regisseur von The Act of Killing, trifft die Mörder der damaligen Zeit, die allesamt stolz auf ihre Taten sind und ein geruhsames Leben führen, frei von Geldsorgen oder irgendwelchen Gewissensbissen. Der Clou an der Sache: Die Täter sollen für den Film ihre Handlungen selbst nachspielen, wobei sie das Genre selbst wählen dürfen und teilweise sogar auch die Opfer spielen. Zu großen Teilen besteht die Doku aus Interviews mit den Männern, die sich mit Aufnahmen von den Dreharbeiten abwechseln.

Was sich anfangs wie eine asiatische Freakshow anfühlt, schließlich werden stellenweise vor Gangsterfilm- und Western-Kulissen Menschen gefoltert, geschlagen und enthauptet und hin und wieder läuft auch ein dicker Mann in Frauenklamotten rum, entpuppt sich als eine Reise hinter die Fassade der morbiden Moral der Mörder. Dabei nimmt sich der Film enorm viel Zeit und zeigt auch das Leben der Männer, die offensichtlich keine Reue empfinden. Wir sehen praktisch nur die Täter, Opfer kommen nicht zu Wort. Daraus zieht der Film auch seine unglaubliche Intensivität, denn mit mitteleuropäischen Moralstandards von heute ist das nicht nachzuvollziehen. Es ist, als ob dort Nazikriegsverbrecher stolz von ihren Taten im Holocaust berichten. So erzählt Anwar Congo in einer realen Talkshow über die schätzungsweise tausend Menschen, die er umgebracht hat. Und wie er das angestellt hat, ohne seine Kleidung einzusauen.

Im Director’s Cut ist The Act of Killing stolze 159 Minuten lang, immerhin deutlich länger als die zweistündige Kinofassung. Dabei bleibt die Dokumentation stets sehr ruhig, doch die schiere Fassungslosigkeit ob der gezeigten Ignoranz ist einfach nur atemberaubend. Es gibt keine Spannung und auch sonst wenig, was das Ansehen angenehm gestaltet. Oppenheimer hat keinen entertainigen Film geschaffen und Wohlfühlmomente sucht man vergebens. Trotzdem ist The Act of Killing eine der wichtigsten Dokumentationen der letzten Jahre, die so dermaßen aufwühlt und einen aufsaugt, dass man sich emotional kaum entziehen kann. Man fühlt sich nach dem Film wirklich schlecht. Schließlich hat man den Abgrund der Menschheit gesehen, und womöglich verliert man auch jegliches Vertrauen in diese. Solch ein Erlebnis vergisst man nicht so schnell.

 

Regie: Joshua Oppenheimer (The Entire History of the Louisiana Purchase, The Globalisation Tapes)

Schauspieler: Anwar Congo, Herman Koto, Syamsul Arifin

Bewertung: 

 

Searching for Sugar Man (2012)

Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben. Das bezieht sich nicht nur auf kriegerische Auseinandersetzungen, sondern auch auf die Musik. Erinnert sich heute noch jemand an die unerfolgreichen klassischen Komponisten? Sie geraten in Vergessenheit, zusammen mit ihren Stücken. Wer nicht viele Platten verkauft oder ein großes Publikum findet, wird schnell wieder aus dem kollektiven menschlichen Gedächtnis gelöscht. Und irgendwann, in hundert Jahren, wird man sich an unsere Zeit erinnern und sie mit Justin Bieber und Lady Gaga verbinden. Klar, das finden viele doof. Aber Geschichte wird nun mal von den Gewinnern geschrieben.Searching for Sugar Man

Sixto Rodriguez ist in diesem Zusammenhang ein Verlierer. Der junge Musiker aus Detroit nimmt Anfang der 70er mit ein paar namhaften Produzenten zwei bis zweieinhalb Alben auf. Seine Stimme ist vielversprechend und erinnert stark an Bob Dylan. Und er schreibt ähnlich gute sozialkritische Texte. Unter seinem Namen Rodriguez erscheinen ‚Cold Fact‘ und ‚Coming from Reality‘. Und verkaufen sich nicht. Niemand will der Musik des Jungen aus der Arbeiterklasse lauschen. Niemand registriert ihn. Und niemand wird ihn vermissen. So hat er sich wohl bei einem schlecht laufenden Konzert nach dem letzten Song einen Revolver an die Schläfe gehalten und abgedrückt. Oder sich mit Benzin übergossen und angezündet. Das weiß niemand so genau, auf alle Fälle stirbt er bei einem Auftritt. So verschwindet Rodriguez von der Bühne. Aber nur in den USA.

Zeitgleich, irgendwann in den 70ern in Südafrika. Die Anti-Apartheidsbewegung gerät in Schwung. Und wessen Musik kann die kollektive Auflehnung besser symbolisieren als die von einem gewissen Sixto Rodriguez? Über Kopien von Kopien entwickeln sich seine Alben zu bombastischen Verkaufsschlagern in einem Land, das einen ganzen Ozean von den USA entfernt ist und welches isoliert vom Ausland unter einem unmenschlichen Regime leidet. Rodriguez ist der Soundtrack der Revolution. Seine Stücke werden zensiert, doch verbreiten sich trotzdem. Oder gerade deswegen. Aber eine Frage bleibt: Wer zur Hölle ist dieser Mann?

Und so begeben sich Stephen ‚Sugar‘ Segerman und Craig Bartholomew Strydom auf die Suche nach dem Ursprung. In Zeiten vor dem Internet und mit limitierten Mitteln. So schildert ‚Searching for Sugar Man‘ die Jagd auf einen Mann, der in Südafrika bekannter als Elvis ist, den in den USA aber kein Schwein kennt.

Die 86-minütige Dokumentation, die 2013 mit einem Oskar geehrt wurde, ist eine Verbeugung vor dem Musiker Rodriguez und seiner Musik, aber auch vor den Menschen, die sich die Mühe gemacht haben, dem Mysterium um seine Person auf die Spur zu kommen. Der komplette Soundtrack des Films besteht aus Rodriguez-Liedern und einzelne Szenen werden mit Animationen nachgestellt. Ohne dabei jemals in Unfug oder Übertreibung auszuarten. Große Produzenten kommen zu Wort. Und alle wundern sich über den Misserfolg in den USA. Überhaupt ist die Geschichte, wie ein Journalist offen zugibt, viel zu gut um real zu sein. Niemand könnte sich sowas ausdenken.

‚Searching for Sugar Man‘ ist zwar ein Dokumentarfilm, doch die Story geht so unter die Haut, dass man am Ende gerührt sein muss. Selbst wenn man diesem Filmgenre nicht so zugeneigt ist. Denn das hier ist nicht viel weniger als der Beweis dafür, dass in Zeiten, in denen „Musiker“ Millionen von Dollarn für hirnverbrannten Scheiß bekommen, es immer noch Leute gibt, die für die Liebe zur Sache arbeiten. Und obwohl die Gewinner die Geschichte schreiben, lohnt es sich doch, einen Blick auf die Verlierer zu riskieren. Vor allem, wenn dabei so ein genialer Film wie ‚Searching for Sugar Man‘ rauskommt.

 

Regie: Malik Bendjelloul

Schauspieler: allesamt reale Personen

Bewertung: 

 

Nitro Circus 3D – Der Film (2012)

Warum nicht einfach mal mit einem Dreirad vom Dach eines hundert Meter hohen Gebäudes in Panama springen? Auf das Dach des Nachbarhauses, schön in einen Haufen von Pappkartons und mit dem beklemmenden Gefühl, dass eine Unachtsamkeit oder ein falsches Zucken zu einem vorzeitigen Ableben führen könnten. Wer sowas für Unfug oder gar Zeitverschwendung hält, der braucht sich ‚Nitro Circus 3D‘ nicht anschauen, denn sehr viel sinnvoller werden die Stunts nicht. Dafür lässt die Crew um Travis Pastrana die Jackass-Bande wie einen Haufen dämlicher Amateure aussehen. Auch wenn das nicht unbedingt schwer ist, schließlich basierte das Jackass-Format auf der Blödheit des Gezeigten.

Nitro Circus kennt man womöglich durch MTV. Dort lief die Serie in zwei Staffeln sehr erfolgreich, zumal dort ziemlich coole Sachen gezeigt wurden. Gerade weil die Protagonisten allesamt Profis auf ihren Gebieten sind. So ist Travis Pastrana der leibhaftige Motocross-Gott und der Rest nicht (sehr viel) minder begabt. Natürlich gibt es mit  Streetbike Tommy einen ziemlich dicken Anhang, der nicht viel mehr macht, als böse auf die Fresse fallen. Hier gibt es dann spürbare Überschneidungen mit Jackass, doch die meiste Zeit bleibt man auf einem höheren Niveau. Interessant ist dennoch, dass Johnny Knoxville für Nitro Circus als Produzent agiert. Wenn dann jedoch irgendwo die Titelmelodie des Nitro-Zirkus ertönt, dann weiß man, dass man als Fan der Jungs und des Mädels richtig ist.

Man braucht nicht lange drüber rumrätseln. Wer Nitro Circus mag, wird den Film sicherlich auch gut finden. Er ist eben wie eine ausgedehnte Episode im TV und sogar eine Art Handlungsstrang wird aufgebaut. Denn vor der Truppe steht der finale Auftritt in Las Vegas, was als die ultimative Challange dargestellt wird. Und hier kommt auch schon mein erster Kritikpunkt zum Tragen: Die Art und Weise, mit der die Aktionen hochstilisiert werden, ist so dermaßen unpassend und amerikanisch und passt eigentlich so gar nicht zum eher debilen Charakter der Fernsehsendung. Da sitzen dann erwachsene Männer und reden über ihren Drang, Freiheit zu spüren und sich zu beweisen. Doch jeder 5-jährige wird wissen, dass die Aktionen zwar cool sind, doch nichts wirklich Tiefgründiges bieten. Hier nervt der Film ein wenig. Noch viel schlimmer empfinde ich aber die Interviews mit Leuten wie eben Johnny Knoxville oder Channing Tatum, die immer wieder eingestreut über das Nitro Circus-Team orgasmieren. So gibt es zwar Verschnaufpausen zwischen den einzelnen Stunts, dafür verkommt der Film dann aber stellenweise zu einem Werbefilm. Und das nervt. Es gibt ohnehin schon genug Werbung für Zuckerwasserhersteller auf allerhand Caps und wir sehen doch als Zuschauer, dass die Typen krasse Aktionen machen. Da braucht niemand noch irgendeinen Kerl, der einem erzählt, dass das krasse Aktionen sind.

Tatsächlich wird sogar gezeigt, wie sich Jim DeChamp bei einem Stunt fasst das Rückgrat bricht, doch eine Reflexion oder gar kritische und hinterfragende Gedanken gibt es nicht. Und das zeigt, dass es bei all der Coolness und Abgedrehtheit doch an ein wenig Grips mangelt, um hier villeicht ein wenig mehr Tiefgang zu erreichen. Das ist aber dann auch wieder nichts, was einen eingefleischten Fan stören dürfte. Sehr viel nerviger ist dafür jedoch die deutsche Synchronisation, die auf allen Ebenen furchtbar geworden ist. Selbst wenn man kaum Englisch spricht, empfehle ich die originale englische Fassung. Sehr viel an Dialog verpasst man ohnehin nicht.

Und das wars. Wer Nitro Circus mag, wird hier unterhalten werden. Das ist keine Straftat und auch ich habe mich die meiste Zeit amüsiert. Die Serie finde ich trotzdem besser, einfach weil da die Stunts mehr im Vordergrund stehen. Man sollte auf jeden Fall jedoch einen großen Bogen um Travis Pastrana und co. machen, wenn einem die Aktionen so rein gar keinen Spaß bereiten. Denn dann gerät Nitro Circus 3D schnell in eine 90-minütie Tortur. Mit Werbung. Für sich selbst.

Regie: Gregg Godfrey, Jeremy Rawle (die Regisseure der Serie)

Schauspieler: Travis Pastrana, Jolene Van Vugt, Tommy Passemente, Jim DeChamp, Erik Roner, Greg Powell

Bewertung: