Searching for Sugar Man (2012)

Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben. Das bezieht sich nicht nur auf kriegerische Auseinandersetzungen, sondern auch auf die Musik. Erinnert sich heute noch jemand an die unerfolgreichen klassischen Komponisten? Sie geraten in Vergessenheit, zusammen mit ihren Stücken. Wer nicht viele Platten verkauft oder ein großes Publikum findet, wird schnell wieder aus dem kollektiven menschlichen Gedächtnis gelöscht. Und irgendwann, in hundert Jahren, wird man sich an unsere Zeit erinnern und sie mit Justin Bieber und Lady Gaga verbinden. Klar, das finden viele doof. Aber Geschichte wird nun mal von den Gewinnern geschrieben.Searching for Sugar Man

Sixto Rodriguez ist in diesem Zusammenhang ein Verlierer. Der junge Musiker aus Detroit nimmt Anfang der 70er mit ein paar namhaften Produzenten zwei bis zweieinhalb Alben auf. Seine Stimme ist vielversprechend und erinnert stark an Bob Dylan. Und er schreibt ähnlich gute sozialkritische Texte. Unter seinem Namen Rodriguez erscheinen ‚Cold Fact‘ und ‚Coming from Reality‘. Und verkaufen sich nicht. Niemand will der Musik des Jungen aus der Arbeiterklasse lauschen. Niemand registriert ihn. Und niemand wird ihn vermissen. So hat er sich wohl bei einem schlecht laufenden Konzert nach dem letzten Song einen Revolver an die Schläfe gehalten und abgedrückt. Oder sich mit Benzin übergossen und angezündet. Das weiß niemand so genau, auf alle Fälle stirbt er bei einem Auftritt. So verschwindet Rodriguez von der Bühne. Aber nur in den USA.

Zeitgleich, irgendwann in den 70ern in Südafrika. Die Anti-Apartheidsbewegung gerät in Schwung. Und wessen Musik kann die kollektive Auflehnung besser symbolisieren als die von einem gewissen Sixto Rodriguez? Über Kopien von Kopien entwickeln sich seine Alben zu bombastischen Verkaufsschlagern in einem Land, das einen ganzen Ozean von den USA entfernt ist und welches isoliert vom Ausland unter einem unmenschlichen Regime leidet. Rodriguez ist der Soundtrack der Revolution. Seine Stücke werden zensiert, doch verbreiten sich trotzdem. Oder gerade deswegen. Aber eine Frage bleibt: Wer zur Hölle ist dieser Mann?

Und so begeben sich Stephen ‚Sugar‘ Segerman und Craig Bartholomew Strydom auf die Suche nach dem Ursprung. In Zeiten vor dem Internet und mit limitierten Mitteln. So schildert ‚Searching for Sugar Man‘ die Jagd auf einen Mann, der in Südafrika bekannter als Elvis ist, den in den USA aber kein Schwein kennt.

Die 86-minütige Dokumentation, die 2013 mit einem Oskar geehrt wurde, ist eine Verbeugung vor dem Musiker Rodriguez und seiner Musik, aber auch vor den Menschen, die sich die Mühe gemacht haben, dem Mysterium um seine Person auf die Spur zu kommen. Der komplette Soundtrack des Films besteht aus Rodriguez-Liedern und einzelne Szenen werden mit Animationen nachgestellt. Ohne dabei jemals in Unfug oder Übertreibung auszuarten. Große Produzenten kommen zu Wort. Und alle wundern sich über den Misserfolg in den USA. Überhaupt ist die Geschichte, wie ein Journalist offen zugibt, viel zu gut um real zu sein. Niemand könnte sich sowas ausdenken.

‚Searching for Sugar Man‘ ist zwar ein Dokumentarfilm, doch die Story geht so unter die Haut, dass man am Ende gerührt sein muss. Selbst wenn man diesem Filmgenre nicht so zugeneigt ist. Denn das hier ist nicht viel weniger als der Beweis dafür, dass in Zeiten, in denen „Musiker“ Millionen von Dollarn für hirnverbrannten Scheiß bekommen, es immer noch Leute gibt, die für die Liebe zur Sache arbeiten. Und obwohl die Gewinner die Geschichte schreiben, lohnt es sich doch, einen Blick auf die Verlierer zu riskieren. Vor allem, wenn dabei so ein genialer Film wie ‚Searching for Sugar Man‘ rauskommt.

 

Regie: Malik Bendjelloul

Schauspieler: allesamt reale Personen

Bewertung: 

 

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