Rango (2011)

Es gibt ja durchaus viele gute Regisseure da draußen. Gore Verbinski würde vielleicht nicht jeder dazuzählen, doch der Kerl hat eine paar sehr ansehnliche Filme rausgehauen. Abgesehen von der eher debilen ‚Mäusejagd‘ hat er mit ‚Ring‘, ‚Mexican‘ und ‚The Weather Man‘ ein paar sehenswerte Streifen gedreht. Und natürlich hat Verbinski die toten Piraten vom Meeresgrund hochgeholt und in den ersten drei ‚Fluch der Karibik‘-Filmen reanimiert. Sogar einen Oscar hat der Kerl schon in der Tasche, undzwar für Rango!

Es war einmal ein Chamäleon (Johnny Depp). Das lebte friedlich in seinem Terrarium und spielte Theater. Bei einem Ausweichmanöver fällt das Behältnis samt Reptil aus dem Auto seines Besitzers irgendwohin mitten in die Prärie. Unser Held ist gestrandet. Für die Aktion war ein überfahrenes Gürteltier verwantwortlich, das sich ‚Roadkill‘ nennt und dem Chamäleon vom Geist des Westens erzählt und ihn in Richtung der nächsten Stadt schickt. Dort trifft er unter anderem auf Bohne (Isla Fisher), die ihm von der Wasserknappheit berichtet, die das Städtchen Dirt an den Rand des Untergangs treibt. Großmäulig wie das Reptil nun mal ist, gibt es sich als großer Revolverheld namens Rango aus und wird kurzerhand zum Sheriff.

Dank seinem Improvisationtalent gelingt es ihm, sich Respekt unter den Einwohnern zu verschaffen, die alle den unterschiedlichsten Spezies angehören. Hasen, Katzen, Schildkröten, Maulwürfe, allerhand Getier und sogar ein Rabe mit indianischen Wurzeln. Gerade das Charakterdesign ist herausragend. Jeder Protagonist hat Wiedererkennungswert und sieht ziemlich cool aus. Ganz zu schweigen von Rango selbst, der von Johnny Depp als kauziger Tolpatsch in einer Art Jack Sparrow im Wilden Westen gesprochen wird. Die restlichen vermenschlichten Tiere wirken dabei allesamt sehr merkwürdig und geben dem Ganzen dauerhaft einen abstrusen Unterton. Das zeichnet diesen Animationsfilm auch in besonderem Maße aus. Alles sieht dreckig und überzeichnet aus. So ist eine ziemlich dicke Kröte beispielsweise eine überschminkte Nutte mit riesigem Ausschnitt. Das kennt man so eben nicht unbedingt.

 Überhaupt ist Rango für einen Film seiner Art hin und wieder überraschend ernst. Es wird hier und da gemordet. Nicht viel natürlich, aber trotzdem sieht man eine Leiche. Das wäre in Toy Story oder in jedem Disney-Animationsfilm nicht vorstellbar. Und dann gelingt es dem Film tatsächlich ziemlich ernste Töne anzuschlagen. Gar nicht mal durch den Tod als Stilmittel, sondern viel mehr über die Verbindung zum Hauptprotagonisten, der einen Schicksalsschlag verkraften und zum Schluss sich selbst stellen muss. Nicht dass die Handlung allzu sinnvoll ist oder überraschende Wendungen annimmt. Das Ende ist ziemlich vorhersehbar. Aber das stört eigentlich überhaupt nicht. Einfach weil Rango und die anderen Tiere auf total verschrobene Art sehr menschlich sind. Und natürlich ziemlich gute Dialoge haben.

Die Message, die am Ende transportiert wird, ist recht erwachsen. Nebensächlich geht es um den Wilden Westen und wie man sich darin behauptet. Hauptsächlich wird jedoch thematisiert, wie man als einzelnes Subjekt in der großen Welt wahrgenommen wird. Also die Suche nach der eigenen Persönlichkeit. So hat Rango, bevor er anfängt, seine Rolle als Revolverheld zu spielen, nicht einmal einen Namen. Man merkt dann auch, wie er in einen Konflikt mit den anderen gerät, als herauskommt, dass er nicht der ist, für den er sich ausgibt. Genauso verliert er dann natürlich auch das Gefühl dafür, wer er selbst ist. Das ist in Bezug auf alle anderen Animationsfilme eine nicht kindgerechte Botschaft, die noch einmal unterstreicht, dass Rango sich wohl eher an ein erwachsenes Publikum richtet.

Genauso erlebt man auch ein wenig den Untergang der Revolverhelden. Ihre Zeit ist abgelaufen und der Fortschritt macht ihr Dasein obsolet. Insofern karikiert die Figur des Rango als Cowboy-Darsteller die Klischees und Vorstellungen, wie so ein harter Kerl zu sein hat. Das mag vielleicht zu weit führen, aber gerade zum Ende hin taucht aus der Weite der Wüste plötzlich ein Clint Eastwood-Verschnitt in einem Golfauto auf, welches hinten mehrere Emmys aufgeladen hat. 

Rango ist eine anmierte Western-Komödie mit einem namenlosen Chamäleon als Hauptdarsteller. Wer den ganzen Disney-Kram zu steril findet und überhaupt etwas mit Western und Antihelden anfangen kann, dürfte von Rango gut unterhalten werden. Zumal die Detailverliebtheit und einfach mal die ganzen Charaktere in dieser Form überragend sind. Das soll nicht heißen, dass der Film in seinen 107 Minuten Laufzeit nicht mal hier und da ein paar Längen hat. Das macht er aber mit seinem Style wieder wett. So begleitet uns ein mexikanisches Eulenquartett musikalisch und erzählerisch durch viele Szenen, was anfangs absurd wirkt, aber doch nur wieder zeigt, wie stilsicher der Film mit seinem Genre und dem ganzen Drumherum umgeht. 

Auch wenn die Konkurrenz um den Animationsoscar 2012 nicht unbedingt so hart war (Chico & Rita, Kung Fu Panda 2, Der gestiefelte Kater, A Cat in Paris) und mir persönlich Toy Story 3 noch ein Stückchem mehr gefällt, ist Rango ein außergewöhnlicher Film der den Oscar unbedingt verdient hat. Und so wie Tim Burton scheint auch Gore Verbinski Gefallen an Johnny Depp bekommen zu haben, denn mit ‚The Lone Ranger‘ kommt 2013 bereits ihre fünfte Zusammenarbeit auf die Leinwand. Das ist aber auch nicht verwunderlich, so ist Depp schließlich einer der besten Darsteller unserer Zeit, selbst wenn man er „nur“ mit seiner Stimme spielt.

 

Regie: Gore Verbinski (Fluch der Karibik I, II, III, The Weather Man, Ring, Mäusejagd, Mexican)

Schauspieler: Johnny Depp, Isla Fisher, Abigail Breslin, Ned Beatty, Alfred Molina, Bill Nighy, Timothy Olyphant

Bewertung: 

 

 

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