Only God Forgives (2013)

Nicolas Winding Refns ‚Drive‘ wurde 2011 von Publikum und Kritikern gefeiert. Und sogar für einen Oscar nominiert (Sound Editing). Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den Nachfolgefilm. Dabei sind die Meinungen zu Only God Forgives unglaublich zwiegespalten. Die negativen Kritiken sind eher in der Überzahl, aber es finden sich auch positive. Vorneweg: Mir hat Only God Forgives gefallen. Nichtsdestotrotz ist dieser Film alles andere als zugänglich.

Julian (Ryan Gosling) betreibt eine Kampfsportschule in Bangkok. Zumindest hat es den Anschein, denn eigentlich verdingen sich er und sein Bruder Billy (Tom Burke) mit Drogengeschäften ihren Lebensunterhalt. Als Billy eines Nachts eine Prostituierte vergewaltigt und ermordet, um daraufhin von deren Vater zu Tode geprügelt zu werden, beginnt die Suche nach dem Verantwortlichen. Dieser findet sich schnell, doch Julian bringt es nicht übers Herz, seinen Bruder zu rächen. Schließlich hat dieser eine Minderjährige auf dem Gewissen. So tritt Crystal (Kristin Scott Thomas), die Mutter der Gebrüder, auf den Plan und beginnt ihrerseits mit einem intriganten und blutigen Spiel. Die vermutlich wichtigste Rolle in diesem Geflecht nimmt der Polizist Chang (Vithaya Pansringarm) ein, der mit seinem Schwert und einer gehörigen Portion Selbstjustiz die Straßen Bangkoks durchstreift und der fröhlichen Famillie stetig näher kommt.Only God Forgives

Und eigentlich habe ich damit noch gar nicht wirklich die elementare Handlung zusammengefasst, denn es ist noch ein gutes Stück komplizierter. Julian hat noch eine merkwürdige Beziehung zu einer Hure, Chang hat eine Tochter und Crystal hat ganz arge charakterliche Probleme. Obwohl Only God Forgives nur 90 Minuten lang ist, ist das Konstrukt an Charakteren durchaus groß. Zudem gibt es traumartige Sequenzen und einen in die Leere oder auf seine Fäuste starrenden Ryan Gosling, sodass man nach gut einer halben Stunde ziemlich verloren als Zuschauer dasteht. Dabei ist die Optik des Films über alle Maßen erhaben und die düstere Beleuchtung zieht sich wie ein roter Faden vom Anfang bis zum Ende. Der minimalistische Stil von Refn, der den Zuschauer zum Mitüberlegen zwingt, findet sich auch hier. Damit muss man umgehen können.

Das Schwierige an Only God Forgives ist, dass man nur schwer mit einem der Charaktere sympathisieren kann. Während Julian ein furchtbar passiver und stoischer Mensch ist, wirkt seine Mutter wie die Ausgeburt des Bösen. Vor allem ihre Beziehung zu Julian ist so kaputt, dass man kaum nachvollziehen kann, warum er auf sie  hört. Auf der anderen Seite ist der scheinbar gute Polizist. Chang filettiert zwar nur Leute, die es verdient haben, doch wirkt er teilweise wie eine Entität, die Judikative und Exekutive in sich vereint und über allem zu schweben scheint. Und mit Hilfe von Karaoke die Ereignisse zu verarbeiten versucht.

Nichtsdestotrotz schafft es der Film, gerade zum Finale hin eine hypnotische Spannung aufzubauen. Das liegt daran, dass die zweite Hälfte der Handlung einen enormen Druck aufbaut, dessen Entladung man herbeisehnt. Als man schließlich denkt, die Konfrontation zwischen Julian und Chang wäre dann der Höhepunkt, der zur Auflösung führt, wird man überrascht. Dabei ist der Kampf der beiden wirklich schön und realistisch in Szene gesetzt. Die letzte Sequenz lässt einen wenig später reichlich ratlos zurück und zwingt zur Deutung und Interpretation.

Für mich ist Only God Forgives ein Auseinandersetzen mit der Schuldfrage. Ist ein Mitläufer genauso zur Verantwortung zu ziehen wie der Täter? Crystal ist die böse Energie, die ihren Sohn zum Sünden zwingt. Julian macht, nicht zuletzt auch wegen dem Schicksal seines Bruders, daraufhin eine Wandlung durch. Er erkennt, dass nur er selbst für seine eigenen Taten zur Rechenschaft gezogen werden kann. Damit schafft er es im Grunde auch, erwachsen zu werden und eigenständige Entschlüsse zu fassen. Chang ist die Konsequenz, oder das Karma, dass jeden einholt und seiner gerechten Strafe unterzieht. Dabei kann seine Figur auch bodenständiger als bloßer Polizist gedeutet werden, der das Vertrauen in die Justiz verloren hat und deswegen das Heft selbst in die Hand nimmt.

Die Botschaft serviert Refn allerdings nicht auf einem Silbertablett. Man muss dem Film aufmerksam folgen und die Atmosphäre aufnehmen. Denn mit vielen langen Shots und Szenen, die dieses hypnotische Grundrauschen erzeugen, kann man zum schnellen Griff zum Handy gebracht werden. Und dann verliert Only God Forgives. Obwohl es viel Blut gibt, wird nicht jeder Actionfan hiermit glücklich. Auch weil die Geschichte schon etwas verkopft und abgehackt erzählt wird. Thematik und Darstellung haben mich an manchen Stellen an Sympathy for Mr. Vengeance oder Oldboy von Chan-wook Park erinnert. Die sind dann aber eine ganze Ecke zugänglicher. Trotzdem, Only God Forgives ist ein guter Film. Zumindest, wenn man sich die Zeit für ihn nimmt und die Atmosphäre einen packt. Dann ist das hier ein unerwartet eindringliches Erlebnis, das über den hirnlosen Konsum hinausgeht.

 

Regie: Nicolas Winding Refn (Walhalla Rising, Pusher I/II/III, Drive)

Schauspieler: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm

Bewertung: 

 

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.