Lanz‘ große Erwartungen

31 Jahre hat Wetten, dass..? auf dem Buckel. Damit ist die Sendung nur 12 Jahre jünger als Markus Lanz, der nun am 6. Oktober die Moderation übernimmt und damit in die großen Fußstapfen Gottschalks tritt. Und der Druck auf dem Südtiroler ist groß, oder wann hat es zuletzt eine 50-minütige Countdown-Show im Vorhinein gegeben? Wer sich die Zeit genommen hat, konnte also ununterbrochen von 19:25 bis 23:40 etwas mehr als 4 Stunden die volle Breitseite Wetten, dass..? konsumieren. Zusätzlich sitzt zeitgleich der Gottschalk beim Supertalent und läuft damit in direkter Konkurrenz zu seinem Nachfolger. Und weil das noch nicht ausreicht, soll die eingestaubte Sendung modernisiert werden und muss somit eine Gratwanderung aus Neuem und Altem machen.

 

Lanz schön nervös

Markus Lanz beginnt die Sendung mit ein paar einleitenden Worten. Nebenbei schüttelt er Eltsners Hand in der ersten Reihe und man merkt, dass da verdammt viele Menschen sitzen. Und so spürt man bereits von Beginn an, dass der Mann nervös ist. Lanz erzählt eine Anekdote, die aber nicht so recht hilft und dann geht es auch schon los. Die erste große Neuerung ist wohl, dass nun alle Prominenten von Beginn an auf der Couch Platz nehmen und zeitgleich auch schon von vornherein als Paten für die jeweiligen Wetter präsentiert werden. Unglücklich scheint nur, dass Lanz so viele Leute gleich am Anfang da zu sitzen hat. Campino, Karl Lagerfeld, Sylvie und Rafael van der Vaart, Hannelore Kraft, Wotan Wilke Möhring, Bülent Ceylan und Rolando Villazón. Mit ihm sind das 9 Leute, von denen die meisten lange Zeit unbeteiligt bleiben. In den ersten Gesprächen addressiert der Moderator immer eine einzelne Person und man fühlt sich an seine Talk-Sendungen erinnert. Zumal man auch hier spürt, dass sich Lanz noch nicht so Recht wohlfühlt und mit seinen zusammengekniffenen Augen ganz gerne auf konzentrierter Zuhörer macht. Vor allem die Palawer mit den Promis wirken dabei gerne mal unglücklich und arg konstruiert. Das liegt aber auch daran, dass Lanz auf seine nette Art und Weise nicht so ein Chauvinist wie Gottschalk ist. Der setzte sich in jeder Unterhaltung durch, auch wenn dazu ein böser Witz nötig war. Außerdem sah sich Gottschalk immer erst zum Ende seiner Sendungen mit einer derart großen Überzahl an Leuten konfrontiert. Hier ist das Konzept, dass die Couch erst nach und nach mit Leuten gefüllt wird, eigentlich besser. Dafür kann sich die Couch mit den Gästen jetzt drehen und die einzelnen Wetter sitzen dahinter auf ihrer eigenen Sitzgelegenheit (die sich aber nicht drehen kann).  Die Modernisierung der Kulisse ist dezent, aber doch deutlich spürbar und macht die Sendung frischer. Man ist also im 21. Jahrhundert angekommen.

Man dachte auch, es würde auf eine Co-Moderatorin verzichtet werden. Bis dann Cindy aus Marzahn aus einem Wohnwagen herausgeklettert kam und noch häufiger Auftritte hatte und vor allem bei den Wetten dem Lanz zur Hand ging. Das war eine durchaus sympathsiche Lösung, auch wenn ich persönlich Cindy nicht leiden kann bzw. mir der Humor zu eintönig ist. Nichtsdestotrotz ist so eine sporadische Assistentin tausendmal besser als die arg gequälte Art von Michelle Hunziker, die mit Thomi mit zu RTL gewandert ist. Gerade Cindy schafft es, ein wenig Druck von Markus Lanz zu nehmen, weil jemand neben ihm steht, der eher ausgelacht wird und der eben auch davon lebt, dass die Leute sich über einen lustig machen. So tritt bei einer Außenwette Michael Kessler als Günther Jauch auf und gibt der etwas trägen Wette noch eine lustige Seite.

Die Gäste sind alle in Ordnung. Natürlich brabbelt Lagerfeld viel komisches Zeug und natürlich macht Bülent Ceylan irgendeinen Quatsch mit seinem Haar. Und Villazón bleibt auch cool, wenn Lanz seine Körperbehaarung, ob in der Nase oder auf der Brust, anspricht. Nichtsdestotrotz wird man das Gefühl nicht so richtig los, als ob es einfach viel zu viele Leute sind. Hannelore Kraft hat wenig beizutragen, auch wenn sie eine sympathische Person ist. Und Jennifer Lopez ist nach ihrem Auftritt auch nur ganz kurz da um über allerhand Unwichtiges zu reden.

 

Lanz‘ normale Wetten und eine Herausforderung

Dann sind da ja auch noch die Wetten. Auch hier wurde erneuert. Jeder Wetter bekommt nun ein Anfangsfilmchen, dass die Hintergründe der vorgestellten Aktion und die Person dahinter beleuchtet. Das ist auf jeden Fall sehr schön und bringt einem die Akteure näher. Gleich die erste Wette ist die mit Abstand beste und später am Abend auch Sieger. Hier balanciert ein junger Mann auf einer Slackline und macht, ohne abzusteigen, Fallrückzieher mit einem Fußball auf ein Tor hinter ihm. Doch als der Mann die angestrebten vier Tore macht, beim letzten jedoch die Balance verliert und den Boden berührt, herrscht kurze Zeit Verunsicherung. Wette geschafft oder nicht? Niemand weiß so recht. Auch die Van der Vaarts sind sich unsicher. Eher unsicher verkündet Lanz, dass der Mann nun noch einmal von vorne anfangen muss und zwei Minuten später ist die Wette dann auch verloren. Hier war der Moderator spürbar nicht Herr der Lage. Aber das ist auch vermutlich nicht verwunderlich für die erste Sendung. Trotzdem vermisst man bei Lanz ein wenig den Killerinstinkt und die Initiative. Um einiges merkwürdiger ist eine spätere Wette, in der ein älterer Herr einen relativ großen Parcours mit seinem Traktor auf nur zwei Rädern meistern soll. Nach wenigen Metern scheitert er jedoch, vermutlich weil der Untergrund nass war, und somit ist diese recht aufwendige Außenwette nach nur 20 Sekunden vorbei. Bei der nächsten Einstellung auf das Sofa mit Lanz mittendrin merkt man, dass das unerwartet kam und ein paar Sekunden lang Verwirrung herrscht. Das liegt vermutlich daran, dass Lanz kein überhebliches Arschloch sein kann wie Gottschalk, der wenn es sein muss, mit stupidem Gequatsche und einem blöden Witz jede Situation vergessen machen kann.

 

Nervig ist später bei einer Wette, bei der eine Frau Hundehaare entsprechenden Hunderassen zuordnen soll, Lanz‘ und Möhrings Gequatsche. Die Dame sitzt da und fummelt an der Haarprobe rum und die beiden Herren quatschen einen Haufen Quatsch und stören die Konzentration. Hier merkte man ganz klar, dass sich Markus Lanz ein wenig versuchte, wie Gottschalk zu verhalten. Nur funktioniert das so eben nicht. Dazu fehlt es an der Ruhe und der Routine. Aber das ist nichts, woran man nicht arbeiten kann. Überhaupt ist die Idee, Wettenden und Wettpaten aneinander zu binden, sehr gelungen. So müssen nun zu jeder Wette alle Promis ihre Einschätzung abgeben, denn wer richtig liegt, gewinnt für seinen Wetter 1000€ pro richtiger Angabe. Doch auch diese Idee wird getrübt, denn einmal vergisst Lanz beinahe, bei allen nachzufragen und beim vierten Mal ist es ein wenig nervig, wenn er jedes mal jeden einzelnen befragt, wie dieser so denkt. Das müsste man vermutlich anders lösen, vielleicht eine graphische Eingabe oder ähnliches. Nichtsdestotrotz werden die Grenzen zwischen Prominenz und Normalos ein wenig gelockert und man merkt vor allem am Ende, wenn sich Slackliner und Van der Vaarts in die Arme nehmen, dass man sowas nie bei Gottschalk gesehen hätte. Dass von den fünf Wetten nicht alle unbedingt interessant waren, sollte nicht unbedingt stören. Lanz schafft es jedoch, dass die Spiele wieder etwas wichtiger werden und nicht nur Beiwerk sind.

Und dann plötzlich und unvermittelt die ‚Herausforderung‘. Lanz muss gegen einen Zuschauer antreten. Liegestütze mit einem Bierkasten auf dem Rücken. Wenn der Kandidat gewinnt, darf er auf eine zweiwöchige Kreuzfahrt im Wert von 10.000 €.  Der Zuschauer bricht jedoch nach 3 Wiederholungen zusammen. Hier schafft es Lanz, mit dieser unerwarteten Leistung gut umzugehen. Er bietet dem Mann an, dass sich dieser eine Person aus den Zuschauerreihen aussucht, die die Challenge anstatt seiner macht und so noch für ihn die Aktion gewinnen kann. Und der sucht sich natürlich den stärksten Kerl im Saal aus, der Lanz dann auch schlägt. Das war widerum gut gemeistert. Einerseits weil der Moderator selbst Körpereinsatz zeigt und weil die spontane schwierige Situation in Wohlgefallen aufgelöst wurde. Dass Lanz nach den Liegestützen so außer Atem war, dass er kaum den nächsten Showact ankündigen konnte, war schon wieder sehr lustig und garantiert nicht unbedingt so vorgesehen. Nichtsdestotrotz fühlt man sich an ‚Schlag den Raab‘ erinnert, was aber nicht zwangsläufig schlecht ist. Man muss nur zusehen, was aus dieser Idee in späteren Sendungen gemacht wird.

 

Lanz‘ nette Auftritte

Und natürlich gibt es Showacts. Der junge maskierte Rapper Cro, der seine sehr erfolgreiche Nummer ‚Easy‘ vorträgt, die aber so rein gar nicht zur Sendung passt. Dafür ist meiner Meinung nach einfach der Altersdurchschnitt zu hoch. Es ist vielleicht auch lustig, dass auf seinem Shirt vorne „Was reimt sich auf Lanz?“ draufsteht, was mit „Gans“ auf dem Rücken beantwortet wird, doch ich habe dann immer den Eindruck, dass ein Frank Eltsner  in der ersten Reihe dem Herzinfarkt nahe ist. Die Toten Hosen und die Voca People hingegen fügen sich da homogener in die Veranstaltung. Und dann ist da noch am Ende Jennifer Lopez. Nach ihrem Auftritt kommt die Frau noch auf eine kurze Unterhaltung auf die Couch. Dass sie selber jedoch nicht mehr weiß, wann und wo sie in Deutschland auftritt, ist dann einfach mal schade. Da weiß Lanz auch nicht genau die konkreten Termine, aber macht ja nichts, es sind vier große deutsche Städte. Die Showacts waren aber sowieso nie das wichtige Element der Sendung.

Das war die Stadtwette mit ihrem Wettpaten Campino auch nicht. Es sollten 500 Düsseldorfer halbnackt und bemalt das Logo von Forutna Düsseldorf mit ihren Körpern bilden. Und natürlich wurde die Wette gewonnen. Ich habe ohnehin den Eindruck, dass diese Wette nur zur Promotion dient. Jetzt muss der Lanz im Fortuna-Trikot 37km nach Köln latschen. Medienwirksam eine Woche vor der nächsten Sendung. Mit Gottschalk war es auch nie anders, aber man könnte vermutlich auf diese Art Wette ohne größere Verluste verzichten.

 

Lanz und gar zu viel

Das größte Ärgernis an der Sendung ist, dass sie viel zu sehr überladen ist und dreieinhalb Stunden auch nicht wirklich wenig sind. Es passiert einfach zu viel und es bleibt wenig Ruhe für die Gespräche. Mitten in einer Unterhaltung mit Villazón kommt der Ruderachter von der Außenwette hinein, setzt sich laut und unter Applaus zu den anderen Wettenden und dann wird nicht etwa das Gespräch fortgesetzt, sondern man kommt gleich zum nächsten Punkt auf der Agenda. Beim Gespräch mit Ceylan kommt Lopez umgezogen aufs Sofa und dann wird mit ihr weitergeredet. Und ständig geschieht etwas. Natürlich ist die Sendung dadurch dynamischer, aber ich fühle mich als Zuschauer einfach überfordert. Viel zu viele Leute und Eindrücke. Man bekommt Angst, aufs Klo zu gehen, weil man etwas verpassen könnte.

Und obwohl ich Lanz wegen seinen Talksendungen nicht wirklich leiden kann, hat er seinen Job wirklich gut gemacht. Man merkt, dass alle paar Minuten irgendetwas nicht nach Plan verläuft. Ob der Gesprächspartner à la Lagerfeld undeutlich seine Weltanschauung präsentiert oder eine Wette nicht so läuft wie vorgesehen. Selbst als alle Promis und Wettenden versammelt werden, um die Telefonnummern zu präsentieren, funktioniert die Einblendung nicht. Unbeirrt quatscht Lanz einfach munter weiter, bis die Technik läuft. Und ich nehme auch an, dass er an Lockerheit mit weiteren Sendungen dazugewinnt.

Insgesamt ist dem ZDF mit dem Lanz’schen Wetten, dass..? eine Modernisierung gelungen. Die Sendung ist unterhaltsam, obwohl an der einen oder anderen Ecke noch geschliffen werden sollte. Dass Markus Lanz so etwas kann, hat er nun bewiesen. Und so richtig vermisst wird Thomas Gottschalk nicht, das beweisen die Quoten. Während das Supertalent mit 4,57 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 14,1 % den Tiefpunkt der Staffel markiert, interessierte Lanz‘ Debüt 13,62 Millionen Menschen und damit 43,7%. Das sind starke Zahlen. Die Zukunft wird zeigen, ob Lanz und Wetten, dass..? eine erfolgreiche Mischung für viele Jahre ist. Der Grundstein dafür wurde zumindest gelegt.

 

 

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