Godzilla (1954)

Das berühmteste Reptil der Filmgeschichte hat schon viele Jahre auf dem Buckel. Aber trotz seines Alters hat der Senior wenig von seinem Schrecken eingebüßt. Und die Botschaft, die Godzilla transportiert, bleibt selbst heute, 60 Jahre nach seiner Geburt, überraschend aktuell. Zumindest wenn einem Schwarz-Weiß und die Puppenoptik nicht zu viel Unbehagen bereiten. Zusätzlich beweist der Klassiker, dass Roland Emmerich mit seiner plumpen Hollywood-Action-Fassung von 1998 nicht ein bisschen den Flair der Vorlage eingefangen hat. Die Echse muss nicht unbedingt rennen, um Bedrohung auszustrahlen. Viel intensiver wirkt es nämlich, wenn das Unheil langsam und stetig auf einen, oder eben Tokyo, zumarschiert.

Mehrere Fischerboote verschwinden im Meer. Die Angst geht um, denn es wird gemunkelt, dass Godzilla (bzw. Gojira im Original) dem Wasser entstiegen sei und nun die Menschen vernichten wird. Professor Yamane (Takashi Shimura) untersucht die Fußstapfen. Er findet heraus, dass das Ungetüm über viele millionen Jahre unter Wasser gehaust hat, bis Atombombentests es aufgeschreckt und an Land gelockt haben. Yamanes Tochter Emiko (Momoko Kochi), die eine Beziehung mit dem Marineoffizier Ogata (Akira Takarada) führt, besucht nebenbei Dr. Serizawa (Akihiko Hirata), dem sie seit frühester Kindheit zur Ehe versprochen ist. Dieser führt ihr eine neue Art Kampfstoff vor, vor dessen Auswirkungen selbst er sich fürchtet. Währenddessen marschiert Godzilla unaufhaltsam Richtung Tokyo, wo er mit Hilfe seines Feueratems große Schäden anrichtet.Godzilla_

Zugegeben, diese Dreiecksbeziehung ist einem ziemlich egal. Deswegen ist die deutsche Fassung auch eine Viertelstunde kürzer als das 96-minütige Original, denn viele Szenen, die das japanische Leben zeichnen, wurden einfach entfernt. Klar ist jedoch, dass der wahre Star Godzilla ist. Inspiriert von ‚Panik in New York‘, einem Saurierfilm aus dem Jahre 1953, in dem eine Echse den Big Apple verwüstet, hat Regisseur Ishiro Honda einen düsteren wie auch spannenden Streifen inszeniert, der in Sachen Atmosphäre auch heute noch funktioniert. Dabei trägt der verflucht gute Soundtrack einen erheblichen Teil zur Stimmung bei. Irgendwie befremdlich ist auch, dass Godzilla sich langsam fortbewegt. Das macht ihn gruselig, denn die schleichende Bedrohung ist sichtbar, aber auch nicht aufzuhalten. So wird Tokyo dem Erdboden gleichgemacht, was ganz klar Bilder der amerikanischen Atombombenangriffe ins Gedächtnis ruft.

Und tatsächlich fungierte ein Vorfall im Zusammenhang mit Atombomben als Ideengeber für den Produzenten Tomoyuki Tanaka. Am 1. März 1954 führte der US-amerikanische Kernwaffentest Castle Bravo zur Kontamination eines gesamten Fischkutters und zum Tode eines Besatzungsmitglieds und später zur Krebserkrankung weiterer Matrosen. Die Entrüstung im Volk war groß und so entschloss man sich, mit dem Film auch die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki zu verarbeiten. Ganz klar ist, dass Godzilla für mehr steht als bloß für einen Kaltblüter, der Tokyo plattmacht. Er ist der schleichende Tod, der unaufhaltsam ist und der keine Gnade kennt. Genauso wie die Atombombe, die keinen Unterschied zwischen den Menschen macht und deren einziger Zweck die Vernichtung ebenjener ist. Der Film zeigt ganz klar das Leiden der Bevölkerung, die mit dieser Massenvernichtungswaffe konfrontiert wird und die ihr nichts entgegensetzen kann. Denn am Ende drückt nur ein einziger auf einen Knopf und besiegelt das Schicksal vieler. Wie so oft. Godzilla aus dem Jahr 1954 ist damit eine Allegorie auf die Grausamkeit und Unmenschlichkeit der Atombombe.

Ich bin mit diesen Filmen groß geworden und verbinde eine nostalgische Verklärtheit damit. Nichtsdestotrotz ist das hier ein absoluter Klassiker, der gerade durch die Schwarz-Weiß-Optik und die Musik absolut fesselt, weil alles bedrohlich und düster erscheint. Klar, an der einen oder anderen Stelle sieht man Spielzeug-Autos durch die Gegend fliegen. Das erste Auftauchen von Godzilla hinter einem Berg sieht ziemlich merkwürdig aus. Aber damit muss oder kann man sich arrangieren. Wer ohnehin auf Monsterfilme steht, sollte diesen Urvater des Genres definitv nicht verpassen. Denn er ist im Gegensatz zu den meisten späteren Ablegern des Faches (zum Beispiel Godzilla von 1998 und Cloverfield von 2008) sehr viel mehr als einfach nur ein Actionstreifen über ein Tier, das in der großen Stadt sein Glück sucht.

Regie: Ishiro Honda (sehr viele Godzilla-Filme)

Schauspieler: Takashi Shimura, Akira Takarada, Momoko Kochi, Akihito Hirata

Bewertung: 

 

 

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