Full Metal Jacket (1987)

Full Metal Jacket heißt übersetzt Vollmantelgeschoss. Dieses ist im Grunde einfach nur eine Patrone für Waffen (bis zu 20 mm Durchmesser) und besteht aus einer harten Hülle (Kupfer, Messing, Stahl) mit einem weicheren Kern (Blei). Vollmantelgeschosse werden wohl größtenteils nur militärisch benutzt, an dieser Stelle würde ich gerne einfach mal Wikipedia zitieren:

Der Mantel schützt den Lauf von Büchsen vor dem Abrieb des weicheren Bleies und verhindert außerdem eine Verformung oder gar ein Zersplittern des Bleikerns beim Auftreffen auf ein weiches Ziel wie einen Menschen- oder Tierkörper.

Das klingt schon ein wenig gruselig, zumal es rund ums Thema Waffen eine richtige Wissenschaft gibt (hier gibts noch ein wenig eingehender um Patronen). Soviel zumindest schon mal zum Titel von Stanley Kubricks zweistündigem Antikriegsfilm. Full Metal Jacket gliedert sich in zwei Kapitel, deren Held Private Joker (Matthew Modine) ist. Im ersten Abschnitt erleben wir die Ausbildung angehender Marines unter dem sadistischen Sergeant Hartman (Ronald Lee Ermey), im zweiten begleiten wir Joker in Vietnam.

Nachdem alle jungen Männer rasiert sind, beginnt ihr Werdegang zum Soldaten. Gleich von Beginn an werden sie erniedrigt und angeschrien, wobei jeder Satz von Hartman einfach nur einprägsam ist. Er hat im Film auch nicht ein Wort an Dialog, das nicht gebrüllt wird. So thematisiert der erste Abschnitt die Brutalität und Kälte, mit der die eigentlich noch viel zu jungen Männer konfrontiert werden. Besonders der etwas zurückgebliebene Rekrut Leonard Lawrence (Private Paula im Deutschen, Private Gomer Pyle im Englischen) kommt nicht mit und wird so Opfer von Hartmann und damit auch zum Gemobbten der gesamten Kompanie.

Der längere zweite Teil zeigt, wie Joker in Vietnam auf seinen ersten „richtigen“ Einsatz muss. Dabei ist er selber eigentlich nur als Kriegsberichterstatter tätig, brennt allerdings in seinem jugendlichen Leichtmut darauf, endlich mal jemanden umzubringen.

Private Joker: I wanted to see exotic Vietnam… the crown jewel of Southeast Asia. I wanted to meet interesting and stimulating people of an ancient culture… and kill them. I wanted to be the first kid on my block to get a confirmed kill!

Hier entlädt sich dann im Grunde alles, was den Krieg ausmacht, auf den jungen Mann und seine Kameraden. Spätestens jetzt wird deutlich, dass die Ausbildung niemals genug Vorbereitung für den wahren Schrecken von Vietnam ist. Beeindruckend ist vor allem das Ende, in dem amerikanische Soldaten vor einer zerstörten Stadt entlanglaufen und dabei den Mickey-Mouse-Club-Song singen. Das spiegelt irgendwo wieder, wie sie doch alle nur Kinder sind, die jetzt, wo sie wissen was Krieg ist, nicht mehr so richtig Soldaten sein wollen.

Full Metal Jacket bietet viel Raum für Interpretation, was meine Kompetenzen jedoch übersteigt. Wikipedia bietet hier ein paar sehr überzeugende Ansichten. Für mich herausstechend war vor allem die Tatsache, dass Joker in Vietnam einen Button mit Friedensmotiv trägt, dabei zeitgleich „Born to Kill“ auf seinem Helm zu stehen hat. Alleine das ist schon ziemlich absurd und macht den Krieg in gewisser Weise lächerlich.

Ansonsten ist das ein wunderbarer und intelligenter Film, der die Sinnlosigkeit des Krieges und der Soldatenausbildung darstellt. Es wird vollkommen auf Patriotismus verzichtet und der einzelne Mensch, der im Grunde nur eine dumme Marionette ist, als Teil der Tötungsmaschinerie in den Vordergrund gestellt. Die Marines selber scheinen keine Ahnung zu haben, warum sie da gerade Krieg führen. In einer Szene ballert ein amerikanischer Soldat wahllos aus einem Helikopter heraus auf rennende Zivilisten und lacht auch noch drüber, schließlich erhöht er ja damit seinen Kill-Count.

Full Metal Jacket ist herausragend, wenn auch nie so wirklich spannend, schließlich gibt es keinen klassischen Handlungsbogen, was auch der Gliederung geschuldet ist. Es sind vielmehr die einzelnen Dialoge und Einsichten, die man erhält, die einen fässeln und schockieren, wohlwissend, dass der Film sich mit Sicherheit nicht weit weg von der Realität befindet. Der Soldat James Ryan hat beispielsweise eine bombastische Anfangssequenz, die in gewisser Weise auch schonungslos den verletzbaren menschlichen Körper darstellt. Full Metal Jacket ist leiser und wird so zugleich auch persönlicher oder auch subtiler. Ich habe mich jedenfalls nirgends gelangweilt, denn die Protagonisten waren mir nicht gleichgültig.

Während Kubricks Dr. Seltsam eine humoristische Karikatur eines möglichen atomaren Weltkriegs aus der Sicht der Mächtigen zeigt, geht es in Full Metal Jacket um die einzelne Person, die im Grunde an keiner Stelle irgendetwas zu lachen hat und die ohne persönlichen Grund in die Schlacht muss, weswegen man sie erst wie einen Hund abrichtet. Diejenigen, die den Krieg beschließen, sind nicht diejenigen, die in den Kampf ziehen. Beide sind auf ihre eigene Art und Weise sehr unterschiedliche Filme, die beweisen, dass Stanley Kubrick einer der wichigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts ist.

Regie: Stanley Kubrick (A Clockwork Orange, 2001, Shining)

Schauspieler: Matthew Modine, Vincent D’Onoforio, Ronald Lee Ermey, Adam Baldwin (nicht mit den Baldwin-Brüdern verwandt)

Bewertung:  

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Ein Gedanke zu „Full Metal Jacket (1987)“

  1. Schön das du noch so alte Filme kommentierst.

    Wahrlich Wahrlich, der Film ist super, wenn ich mich entsinne den Film nur anschauen wollte, weil ich gehört habe es sein lustig wie Sergeant Hartman die ganzen Leute beschimpft … Wurde er am Ende auch sehr ernst und vorallem regte er zum nachdenken an.

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