Fler: Im Bus ganz hinten – Eine deutsche Geschichte (2011)

Es gab mal eine Zeit, da dachte ich, ich würde mich in der deutschen Hip-Hop-Szene auskennen. So vor 10 Jahren vielleicht. Nicht, dass ich deutschen Hip-Hop exzessiv gehört hätte, aber der tägliche Konsum von MTV und der Sendung TRL machte mich quasi zu einem Insider der Szene. Heute ist mir eigentlich alles egal, zumal MTV vor Jahren seinen Bildungsauftrag aufgegeben hat und nicht mal mehr für mich Normalsterblichen empfangbar ist. Da kommt jetzt dieser Fler daher, mit seiner Autobiographie und bringt ein wenig Licht ins Dunkel.

Bürgerlich heißt er Patrick Losensky und schildert uns in „Im Bus ganz hinten“ sein Leben, von den jüngsten Kindheitstagen bis heute (2010 oder 11). Dabei kann man das Buch in zwei Abschnitte gliedern: Die erste Hälfte ist die Zeit vor dem Rappen, die zweite Hälfte dann mit dem Rappen. Wir erleben mit, wie der junge Patrick in schwierigen Verhältnissen aufwächst. Sein Vater ist Alkoholiker und seine Mutter scheint ihn nie richtig zu lieben. Als sich seine Eltern trennnen, hat er Schwierigkeiten, damit umzugehen. Dabei bleibt sein Leben stets schwierig, zumal er über seine als „Ghetto“ bezeichnete Wohngegend an allerlei zwielichtige Gesalten gerät. Prägnant werden Patricks psychische Zerwürfnisse geschildert, die ihm sogar einen Aufenthalt in der Psychiatrie bescheren. Irgendwann landet er beim Besprayen von S-Bahnen und schließlich gerät er mit Hip-Hop in Kontakt, hauptsächlich dank seiner Freunde. So beginnt dann irgendwann seine Karriere, die wiederum Probleme mit sich bringt.

Die erste Hälfte, in der Fler noch nicht von seinem krassen Fame erzählt, ist dabei um einiges interessanter als dann die oft sehr protzigen Schilderungen weiter hinten. Die Kindheitserinnerungen wirken authentisch und man entwickelt Mitleid mit ihm. Dass seine Sicht der Dinge eigentlich immer sehr einseitig ist, fällt erst einmal noch nicht auf. Auf mich wirkt er sogar symapthisch, was eben im Mitgefühl begründet liegt. Seine Erlebnisse schildert er mit der naiven und einfachen Art eines Kindes und dabei erlebt Fler eben Sachen, die ein Kind nicht erleben sollte, allen voran der Nervenzusammenbruch.

Dann kommt der zweite Teil, indem er bei Aggro Berlin unterkommt und, zugegebenermaßen mit Erfolg, rappt. Dass Fler eigentlich nie so richtig selber die Motivation hatte, mit der Musik anzufangen und eher eine Art Anhängsel am Anfang war, kommt überhaupt nicht rüber. Eher gesagt, es kommt rüber, aber er selbst scheint es nicht zu realisieren. Noch nerviger für mich ist dann seine zunehmend arrogante Art. Es gibt Stellen, in denen Fler über seine sexuellen Eskapaden schwadroniert und dabei so machohaft und oberflächlich rüberkommt, dass ich jegliche Sympathie für den armen Patrick Losensky verloren habe. Und vor allem wird das Buch dann immer einseitiger, denn er macht einfach nie einen Fehler. Es sind immer die anderen, die böse sind oder sich gegen ihn verschwören. So gibt es dann nur wenige Leute, die nicht in irgendeiner Weise negativ auffallen.

An einer Stelle beschreibt Fler eine Szene, in der er im MTV-Studio ausgerastet ist und es sich so anhört, als ob er das ganze Inventar zerlegt hätte. Dass er dabei eigentlich nur ein wenig an einem Bushido-Poster rumgerissen hat, verstärkt den Eindruck, dass er nur „posen“ will und sich in die Rolle des harten Gangsters begibt. Andererseits gibt es auch in der zweiten Hälfte noch relativ persönliche Momente sowie den einen oder anderen Einblick in die Hip-Hop-Szene des letzten Jahrzehnts. Allzu tiefgründig wird es jedoch nie und so bleibt das Buch auf einem eher seichten Niveau. Mir gefiel der kleine Einblick in das Sprayer-Milieu von Berlin, welches mit Fotos von besprühten S-Bahnen Flers Vergangenheit belegt.

Überraschenderweise fühlte ich mich meistens gut unterhalten. Ich weiß nicht, ob alle Rapper ständig den Harten markieren müssen. Das tut Fler leider hier und da etwas zu oft, was den anfänglichen guten Eindruck stört und „Im Bus ganz hinten“ zu einem Buch macht, was ich nur ok fand. Wer sich ein wenig für die Thematik interessiert oder eine gewisse Verbundenheit zu den Szenen, in denen sich Patrick bewegt, verspührt, darf dieser Biografie gerne eine Chance geben. Sie bietet auf alle Fälle mehr Tiefe, als das Werk der Katzenberger und weckt Emotionen, auch wenn man noch nie ein Lied von Fler gehört hat.

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