Dredd (2012)

Man stelle sich vor, ein einbeiniger Mann ohne Gleichgewichtssinn und mit Schaum vor dem Mund versucht, humpelnd, einem die Zehennägel mit einer Kettensäge zu schneiden. Auf einem wackeligen Floß mitten im reißendsten Strom. Während sein Kopf in Flammen steht. Dann hat man ungefähr eine Vorstellung vom Einfühlungsvermögen von Judge Dredd (Karl Urban). Der hat trotz seines Namens vermutlich weder das erste noch das zweite Staatsexamen abgelegt und wohl auch noch nie eine Richter-Robe getragen. Trotzdem weist der Mann einen einfachen wie effektiven Gerechtigkeitssinn auf: Wer gut ist, darf leben. Wer Böses treibt, wird gnadenlos hingerichtet. Willkommen in der Zukunft, Motherfucker!Dredd

Irgendwo in der futuristischen Stadt Mega City One mit abermillionen Einwohnern bleibt keine Zeit für zeitaufwendige Gerichtsverfahren und Verhaftungen. Die Judges, die so eine Mischung aus Polizei, Richter, Henker, Detektiv und SWAT-Einsatzkommando darstellen, patrouillieren durch die Straßen und haben dabei mehr als genug zu tun. Dem erfahrenen Judge Dredd wird der Neuling Cassandra Anderson (Olivia Thirlby) zugeteilt. Diese hat zwar die etwaigen Prüfungen nicht bestanden, verfügt aber über paranormale Kräfte, die im Kampf gegen den Abschaum der Stadt nützlich sein können und werden. Als das Duo in einem Hochhaus eine Dealerbande aushebt, die mit der neuen Droge SLO-MO handelt, werden sie von der Bandenchefin Ma-Ma (Lena Headey) in dem Wolkenkratzer eingesperrt und müssen sich den Weg freikämpfen.

Und das ist die Handlung. Wer sich an ‚The Raid‚ erinnert fühlt, liegt gar nicht mal so falsch. Nur ist das hier die amerikanische Sci-Fi-Version davon. Anstatt krassem Martial Arts bekommt man stattdessen eine bleihaltige Gewaltorgie sondergleichen. Und mit Gewalt ist hier nicht „Peng Peng“ gemeint. Judge Dredd ballert jedem zweiten Schurken in Zeitlupe durch das Gesicht, überall spritzt und spratzt und klebt das Blut. Ohne den Film in 3D gesehen zu haben, behaupte ich einfach mal, dass sich die 3D-Effekte durchaus gut anfühlen sollten. Überhaupt ist der dreckige futuristische Look sehr sehenswert und macht ‚Dredd‘ zu einem stylischen Streifen.

Wer sinnlose Gewalt überhaupt nicht sehen kann, sollte hier auch gar nicht erst reinschauen. Wenn Menschen aus 200 Metern Höhe geworfen werden, dann wird nämlich auch gezeigt, wie sie in Zeitlupe aufkommen, während ihr Gehirn auf dem Bordstein verteilt wird. Das ist eklig, aber auch realistisch. Vermutlich. Zumindest in diesem brutalen Kontext. Und mehr als einmal bin ich zusammengezuckt, als beispielsweise schon wieder einer armen Sau das Gesicht weggeballert wurde. Ob dieses hohe Maß an Gewalt unterhält, sei jedem selbst überlassen. Mir hat es tatsächlich gefallen. Dabei ist ‚Dredd‘ von vorne bis hinten nie intelligent oder gehaltvoll. Das kann man aber verschmerzen, weil der Film sich konsequent an seine Linie hält und an keiner Stelle versucht, mehr zu sein, als er ist, nämlich ein flacher und geradliniger Action-Streifen. Gerade im Bezug auf das kürzlich erschienene ‚Total Recall‚-Remake macht ‚Dredd‘ als Neuverwurstung vieles richtig, vor allem was die Effekte und Schauwerte angeht.

Karl Urban in der Hauptrolle und mit Helm zeigt dabei nur seinen Mund. Und das fand ich schon ziemlich stylisch. Zumal seine Mundwinkel nur zwei Positionen kennen: Entweder nach unten gezogen oder noch sehr viel weiter nach unten gezogen. Dabei ist er so unheimlich entmenschlicht und maschinenartig, dass man sich zwangsläufig an ‚RoboCop‚ erinnert fühlt. Gott sei Dank gibt Judge Dredd dann auch einfach mal nichts von sich preis. Nur, dass er tierisch angepisst ist. Dafür hat er dann ein ganzes Hochhaus voll mit Bösen, um sich abzureagieren. An seiner Partnerin könnte man sich womöglich hier und da ein wenig stören, allerdings beweist sie gerade zum Ende hin echte Nehmerqualitäten und gibt dem Film noch so ein wenig optischen Schauwert und tatsächlich auch ein ganz kleines bisschen Inhalt. Aber keine Sorge, nur ganz wenig. Und die böse Mutti ist jetzt nicht wirklich eine ernstzunehmende Gegenspielerin, doch vermutlich würden sich selbst Bane und Freddy Krueger vor Angst in die Hose machen, wenn sie gegen Judge Dredd antreten müssten.

Es bleibt eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Ihr mögt Action und könnt ohne Handlung und Dialoge leben? Bitteschön, ‚Dredd‘ ist einfach, brutal und brachial. Und optisch absolut cool anzusehen. Wer aber schon von Michael Bay-Filmen angewidert wird, der sollte sich den Ausflug nach Mega City One sparen. Schließlich ist es auch mal ganz schön, sich die Fußnägel gemütlich mit einer einfachen Nagelschere zu schneiden und auf den brennenden Kettensägen-Typen zu verzichten.

Judge Dredd: Judgement time.

 

Regie: Pete Travis (8 Blickwinkel, Endgame)

Schauspieler: Karl Urban, Olivia Thirlby, Lena Headey, Wood Harris

Bewertung: 

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