Das Scrubs-Dilemma

Ein großes humoriges Mittel von Scrubs sind J.D.s Tagträume, die allerhand Absurditäten zu bieten haben und völlig mit der sonst realistischen Handlung brechen. Das kennt man auch aus ‚Family Guy‘, doch Seth Macfarlane macht es in seiner animierten Serie rigoros absurder. Das ist ein stilistisches Mittel, dass durchaus nicht jedem gefällt. Doch bietet sich so die Gelegenheit, aus dem tristen Krankenhausalltag auszubrechen und die Gedankengänge und Assoziationen, die uns alle täglich begleiten, bildlich darzustellen. Mir persönlich ist diese Tagträumerei unglaublich sympathisch, zumal für diese kleinen Abschnitte durchaus viel Aufwand notwendig ist. So fügen sich fantasievolle Überspitzungen zu J.D.s ausufernden Monologen, die einen als Zuschauer durch die Folge tragen und dabei am Ende auch immer eine Moral oder Erkenntnis bieten. Auch hier gestehe ich ein, dass Belehrendes nichts für jedermann ist, doch gerade auf diese Weise schafft es die Serie, ernste Themen anzusprechen und den oft absurden Begebenheiten einen tieferen Sinn zu verleihen. Vor allem weil auch sehr unterschiedliche Themen aufgegriffen werden, ob Beziehungen, Liebe, Tod oder Freundschaft. So ist Scrubs zwar eine sehr lustige Serie, bietet aber auch stets etwas darüber hinaus. Und das ist etwas, was viele heutige Sitcoms überhaupt nicht bieten.

Noch gar nicht angesprochen habe ich die vielen ikonischen Charaktere, die das Sacred Heart bevölkern. John C. McGinley bleibt Zeit seines Lebens und darüber hinaus Dr. Perry Cox, der Hugh Jackman-haßende Choleriker. Robert Maschio ist Der Todd, der im Stringtanga keine Gelegenheit auslässt, um eine anzügliche Bemerkung zu machen. Und Neil Flynn als Hausmeister oder Sam Lloyd als Anwalt Ted Buckland gesellen sich noch hinzu. Es gibt eben viele sympathsiche wie unsympathische Leute, die allesamt im Gedächtnis bleiben. Und die sich in ein stimmiges Gesamtbild fügen, dass sehr viele verschiedene menschliche Facetten abdeckt.

Dr. Cox: Barbie, wenn du so weiter machst, springst du irgendwann vom Dach dieses Krankenhauses, das wohlgemerkt nur fünf Stockwerke hoch ist, weshalb du wahrscheinlich wieder hier in dieser Klinik liegen würdest, wo ich dich sicher auch noch behandeln müsste, und das würde unweigerlich dafür sorgen, dass ich vom Dach dieses Krankenhauses springen würde,… das… wie schon erwähnt… nur fünf Stockwerke hat.

Einen großen Teil der Serie macht zudem die Freundschaft von J.D. mit Turk (Donald Faison) aus, die irgendwo auf der Schwelle zwischen Busenfreundschaft und Homosexualität liegt und Grundlage vieler Witze ist. Diese Konstante zieht sich durch die Serie und bietet mehr Stabilität als die durchaus wechselnden Liebesbeziehungen der meisten anderen Protagonisten. Hier bricht die Serie eine Lanze für männliche Freundschaften, die andernorts eher auf wenige Berührungspunkte runtergebrochen werden. Hier erlaubt sich Scrubs jedoch auch viele Albernheiten und Running Gags (der größte Arzt der Welt), die serienfremden Zuschauern weniger gefallen dürften und sogar einen negativen Eindruck hinterlassen könnten.

Der Verzicht auf Konservenlacher macht zudem aus Scrubs eine flüssigere Sendung. So passiert mehr und es gibt mehr Interaktionen. Man hat zwar nicht den Effekt des Mitlachens zum richtigen Zeitpunkt, dafür wird das Erlebnis persönlicher. Zumindest habe ich den Eindruck. Es wird einem nicht vorgeschrieben, an welcher Stelle man mitzulachen hat. Dazu kommen noch die Spezial-Episoden, die das Serien-Konzept komplett aufbrechen. Eine Folge ist in Märchen-Form, eine andere eine 90er-Jahre-Sitcom und noch eine weitere ein komplettes Musical. Ohnehin werden viele erzählerische Kniffe angewandt, die spezielle Folgen zu etwas ganz Besonderem machen. Manchmal wird z. Bsp. die Perspektive oder sogar die zeitliche Abfolge gewechselt. Besonders erinnerungswürdig wie auch hart sind zwei Folgen, in denen Brendan Fraser als bester Freund von Dr. Cox auftritt und von denen die letztere mir immer noch ein wenig Pippi in die Augen treibt. Scrubs spielt eben hin und wieder mit den Zuschauergewohnheiten. Vermutlich konnten sich die Schreiberlinge hinter der Serie mehr austoben als in anderweitigen Sitcoms, zumal mit den Tagträumereien so ziemlich alles möglich ist: Einhörner, Ball-Mart, Westside Story, Turks adoptiertes Kürbiskind oder eine ganze waschechte Kung Fu-Szene.

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