Das Fernsehen in Zeiten der Cholera

Lang, lang ists her. Es war um die 1946, da tätigte der damalige Chef von 20th Century Fox, Darryl F. Zanuck, eine interessante wie auch falsche Aussage:

Der Fernseher wird sich auf dem Markt nicht durchsetzen. Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren.

Heute haben wir 2012 und selbst in Zeiten des Internets nimmt das Fernsehen immer noch einen nicht unwichtigen Teil in der Gesellschaft ein. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Vielmehr will ich einen kleinen Blick auf die Entwicklung mehrerer TV-Formate der vergangenen 20 Jahre werfen. Dass dabei nicht alle möglichen Daten aufgeführt sind, sollte aufgrund meiner beschränkten Mittel und Manpower beachtet werden. Weiter unten führe ich meine verwendeten Quellen auf, die hauptsächlich aus einzelnen Wikipedia-Artikeln bzw. -Listen bestehen. Diese können mitunter nicht vollständig sein, aber für eine grobe Übersicht ist das mehr als ausreichend.

Die folgende Grafik zeigt fünf verschiedene TV-Formate im deutschen Fernsehen und ihre entsprechende Anzahl. Bezogen auf ein Jahr und rückblickend von 1992 bis 2012. Die x-Achse stellt dabei den Zeitverlauf dar während die y-Achse die Anzahl der verschiedenen Sendungen in einem Jahr aufführt. Bei den Formaten handelt es sich um Talkshows, Gerichtsshows, Scripted-Reality-Sendungen sowie Daily Soaps und Telenovelas (und Daily Soap ist nicht gleich Telenovela, siehe hier). Beispielsweise 1997 existierten 9 Talk- und 3 Gerichtsshows im deutschen Fernsehen. (klicken zum Vergrößern)

1992 startete mit ‚Hans Meiser‘ das erste Talkshow-Format. Heutzutage läuft mit ‚Britt‘ tatsächlich nur noch eine Sendung dieser Art. Dabei waren Talkshows mit ihrem Peak um 1999/2000 ein unheimlich populäres Format. Sage und schreibe 15 unterschiedliche Sendungen wurden damals übertragen. Doch diese Zeiten scheinen vorbei. In den letzten 12 Jahren ging die Anzahl beständig zurück und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch Britt irgendwann die Segel streichen muss. Allerdings ist die Talkerin rein quotentechnsich garantiert nicht das Sorgenkind bei Sat 1. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass die Ära der Talkshows vorbei ist.

Ähnlich ergeht es da den Gerichtssendungen. ‚Das Fernsehgericht tagt‘ von 1961 war dabei die erste Sendung dieser Form in Deutschalnd. Von 1992 bis 2003 steigerte man sich sogar auf 6 verschiedene Nachmittagssendungen, bis die Anzahl schließlich kontinuierlich zurückging und wir mit ‚Richter Alexander Hold‘ heute tatsächlich auch nur noch eine Gerichtsshow haben. Um 2002/2003 erreichte man das Peak, wobei der Rückgang im Vergleich zu den Talkshows nicht ganz so schnell vonstatten ging. Es gab aber auch nie annähernd so viele Gerichtsshows wie Talksendungen. Vielleicht ist es ein markantes Zeichen, dass gerade der schwächelnde Sender Sat 1 als einziger die beiden erwähnten Formate beherbergt. Es zeichnet sich außerdem keine Rückkehr zu mehr Talk- und Gerichtssendungen ab, wobei ich letzterem einer höhere Langlebigkeit zuspreche. Das liegt daran, dass der TV-Markt mit Richtern nicht ganz so dermaßen übersättigt wurde wie mit Talkern um die Jahrtausendwende, als die ganzen Rickys und Arabellas und wie sie alle hießen von überall auf den Zuschauer einprasselten und vor allem einquaselten.

Lustigerweise startete die erste Dailysoap ‚Gute Zeiten Schlechte Zeiten‘ im gleichen Jahr wie Hans Meiser, undzwar 1992 (Lindenstraße gibt es seit 1985, allerdings wöchentlich und nicht täglich). Auch der Marienhof ging damals an den Start. Seitdem hält sich das Daily-Soap-Format wacker im deutschen Fernsehen. Man erreichte mit 6 verschiedenen Soaps 1996 ein Peak, danach ging es leicht runter auf 4, allerdings auch nie darunter. Man wuchs also zeitgleich mit den Talkshows, hielt sich danach aber relativ konstant auf einem Level. Zeitgleich mit dem Niedergang der Gerichtssendungen um 2007 stieg die Zahl der Seifenopern und man hatte von 2009 bis 2011 sogar gleichzeitig 9 verschiedene Seifenopern im TV. Aktuell sind es nur 6 (Herzflimmern wurde im April 2012 eingestellt), trotzdem scheinen Daily Soaps sehr stabil zu laufen. Eine Übersättigung findet wohl nicht statt. Außerdem laufen die einzelnen Formate über Jahre hinweg und generieren große Fan-Bases, da man zum fortlaufenden Zuschauen bewegt wird. Dabei laufen von den 6 noch laufenden Formaten drei auf RTL und drei im Öffentlich-Rechtlichen. Man versuchte z. Bsp. auf Sat 1 mehrfach eine Daily Soap zu installieren (1995: So ist das Leben, 1997: Geliebte Schwestern, 2009: Eine wie keine, 2010: Hand aufs Herz). Alle Versuche scheiterten, man hat wohl einfach den Zug verpasst. So sind ‚GZSZ‘ ab 1992, ‚Unter Uns‘ ab 1994 und ‚Verbotene Liebe‘ ab 1995 die unangefochtenen Platzhirsche. Und RTL hat es sogar geschafft, mit ‚Alles was zählt‘ 2006 eine weitere erfolgreiche Seifenoper zu installieren, was der Konkurrenz eben größtenteils nicht gelang.

Die erste waschechte Telenovela startete tatsächlich erst 2004 mit ‚Bianca- Wege zum Glück‘. Danach wuchs die Zahl rapide und wir erreichten 2006 mit 9 verschiedenen Telenovelas den Höhepunkt. Anschließend ging es rasch wieder bergab. 2008 waren es dann nur noch 4 Sendungen, und heute sind es nur noch 2 (‚Wege zum Glück‘ und ‚Anna und die Liebe‘ wurden 2012 eingestellt). Aktuell laufen mit ‚Sturm der Liebe‘ und ‚Rote Rosen‘ die beiden letzten Novelas im Öffentlich-Rechtlichen. Hier scheint man ganz klar um 2006 die Zuschauer überfüttert zu haben. Außerdem sind die Telenovelas den Daily Soaps sehr ähnlich und diese hatten eben vorher fast 10 Jahre Zeit, Fans zu sammeln. So waren viele Telenovelas wohl einfach nicht konkurrzenzfähig.

Kommen wir zum letzten Format, den Scripted Reality-Sendungen. Hier ging es erst 1999 los, undzwar mit ‚Nicole – Entscheidung am Nachmittag‘, die eine gescriptete Talkshow war. Bis 2002 ist noch nicht viel passiert, doch dann ging es los. 2003 liefen bereits 6 Scripted-Reality-Formate (von denen ‚Frauentausch‘, ‚Lenßen‘ und ‚Die Autohändler‘ noch bis mindestens 2012 laufen). Dann scheint der Markt um 2005/2006 übersättigt. Man hat 8 Sendungen, 2007/2008 sinkt die Zahl aber wieder auf 6. Doch eigentlich ist das nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn bereits 2010 springt die Anzahl hoch auf 14, und 2012 haben wir sage und schreibe 19 gescriptete Realitäten. Das liegt vor allem daran, dass RTL und RTL II massiv auf dieses billige TV-Format setzen und den Markt regelrecht überfluten (‚X-Diarrhea‘, ‚Berlin – Tag & Nacht‘, ‚Betrugsfälle‘, etc.). Und wieder verschläft Sat 1 und verspielt viel Quote. Trotzdem ist die aktuell hohe Zahl dieser Sendungen erschlagend. Damit übertrumpft man sogar die große Zahl der Talkshows um das Jahr 2000. Vermutlich sind es gerade die geringen Kosten von Scripted Reality, die die Produktion fördern. So braucht man in der Regel kein Studio und kaum Requisite. Schauspieler mit Talent oder gar bekannte Personen sucht man vergebens. Und der gigantische Erfolg von ‚Berlin – Tag und Nacht‘ führt sogar zu einem Kölner Ableger 2013. Vermutlich erreichen wir dennoch spätestens in den kommenden zwei Jahren die Schmerzgrenze, denn sehr viel dümmer als X-Diaries kann das Fernsehen nicht werden.

Was haben wir gelernt? Es gibt ganz klar Trends im Fernsehen. 1996 bis 2003 dominierten Talk-Shows, um danach allmählich in der Versenkung zu verschwinden. Anstelle der Talk-Shows traten dann so ein wenig die Gerichtssendungen und Scripted Reality. Doch für die Juristen ging es nicht lange aufwärts und so kamen dann ab 2005 die Telenovelas, die jedoch auch inzwischen vor sich hinsiechen. So ist es tatsächlich Scripted Reality, dass aktuell dominant auftritt und wächst. Und ich vermute, dass die 19 Sendungen 2012 im nächsten Jahr getoppt werden, weil andere Sender nun allmählich auf den Zug aufspringen. Nebenher laufen die täglichen Seifenopern durchaus stabil. Was hier fehlt sind Koch- und Quiz-Sendungen. Auch die nachmittäglichen Rate-Shows liefen seinerzeit oft und gern (‚Der Schwächste fliegt‘, ‚Jeder gegen jeden‘, …), sind heutzutage aber sogut wie verschwunden. Allerdings fehlt mir dazu das Datenmaterial, um eine gescheite Übersicht zu erstellen. Genauso ist es mit Kochsendungen. Am 15.11.2012 laufen sage und schreibe 10 verschiedene Kochsendungen, aber Übersichten oder Listen in welchen Jahren was lief sucht man (aktuell) leider vergebens. Trotzdem sollte klar sein, dass wohl selten mehr als heute im TV gekocht wurde.

Die Entwicklung könnte (man beachte den Konjunktiv) einem Sorgen bereiten. Gerade im Hinblick auf die in der Regel ziemlich blöden Scripted-Reality-Sendungen. Man sollte aber nicht vergessen, dass es wenige private Sender sind, die dieses Format fördern. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen haben sich in den vergangen zwei Jahren allerhand Mühe gegeben, neue, nicht-blöde Sachen auf die Beine zu stellen (ZDF Neo und Kultur, ARD Plus etc.). Und gerade in Zeiten des Internets (und von Mediatheken) sollte niemand mehr dazu gezwungen sein, Tag und Nacht mitten im Leben von Familien im Brennpunkt den Schulermittlern bei ihren Verdachts- und Betrugsfällen zugucken zu müssen. Ansonsten bekäme man nämlich so schlimme X-Diarrhea, dass einem weder die Super Nanny, noch die Zollfahnder, Peter Zwegat oder die Geldeintreiber helfen könnten. Und das wäre wirklich das Ende von allem.

 

 

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