Feb 232012
 

Es ist Nacht. Der Regen verwandelt die Straßen in eine Ansammlung von Pfützen, Dreck und Schlamm. Die Menschen beeilen sich, es herrscht geschäftiges Treiben. Man vertreibt sich die Zeit, zum Beispiel im Kino. Dort läuft gerade Dame, König, As, Spion. Es ist noch dunkler im Saal als draußen. Stille. Niemand wagt es, zu reden oder zu rascheln. Alle starren gebannt auf die Leinwand. Lange bleibt es so, bis ich beschließe, mir ein Bier aufzumachen.

Scheiße war das laut. Kurz umgeschaut. Niemand verärgert. Ok. Popcorn-Tüte aufmachen. Scheiße, das war ja noch viel lauter. Ganz, ganz langsam kauen. Damit es nicht so knirscht. Bloß nicht im Sitz bewegen, ist nämlich auch laut. Mein Gott, wie laut wir Menschen doch sind manchmal. Jede Bewegung erzeugt Geräusche, selbst das Atmen anderer. Augenblick, gabs da nicht noch einen Film auf der Leinwand?

Dame, König, As, Spion ist ein leiser Film. Und wenn ich sage leise, dann meine ich, dass manchmal so wenig gesprochen wird, dass man Angst bekommt, irgendwelche Geräusche zu machen und so, für den Fall, dass etwas gesagt wird, zu verpassen. Das ist keine Kritik. Jedoch können Freunde von Michael Bay und Roland Emmerich gleich an dieser Stelle aufhören zu lesen und lieber etwas sinnvolleres mit ihrer Zeit anstellen, zum Beispiel in Zeitlupe von Explosionen weggehen, ohne sich umzusehen. Der Rest freut sich über die überragende Besetzung.

Der Film spielt in den 70er Jahren und thematisiert den britischen Geheimdienst irgendwo zwischen Ost und West. In der Organisation soll sich ein Maulwurf befinden, der wichtige Informationen an die Russen weitergibt. Control (John Hurt), Chef der Organisation, erteilt Jim (Mark Strong) den Auftrag, sich mit irgendwem in Budapest zu treffen und so an den Namen des Maulwurfs zu kommen. Das geht ziemlich in die Hose und so wird Control mitsamt seinem Vertrauten George Smiley (Gary Oldman) entlassen. Das waren jetzt ungefähr die ersten 5 Minuten von Dame, König, As, Spion. Mir käme es jedoch schon als Spoiler vor, mehr zu erzählen. Es sei nur gesagt, dass Smiley sich auf die Suche nach dem Maulwurf begibt. Er ist nicht unbedingt sehr redselig. In den ersten paar Minuten, in denen man ihn zu Gesicht bekommt, sagt er praktisch nichts. Das trägt zur Statik und Ruhe des Films bei. Es gibt Schnitte, in denen erst ein Gegenstand in Nahaufnahme gezeigt wird und danach erst der Wechsel zu den Personen stattfindet.

Wichtig ist, stets konzentriert zu bleiben. Praktisch jedes Gespräch ist wichtig, egal wie unwichtig es scheint. Es reicht, wenige Szenen zu verpassen und schon versteht man einfach mal gar nichts mehr. Das liegt unter anderem auch daran, dass wir uns nicht nur auf einer Zeitebene befinden. Viele Dinge, wie zum Beispiel Smileys Beziehung zu seiner Frau, werden nur angeschnitten und mehr oder weniger angedeutet. Das kann einem Gefallen, schließlich muss ja nicht alles (wie in Hollywood) von vornherein ganz klar und eindeutig sein. So gibt es eben auch nicht so wirklich Gute und Böse hier. Es gibt lediglich Leute in einem menschenunwürdigen System, die miteinander interagieren. Nirgendwo springt ein glattgeleckter James Bond aus der Ecke und ballert dem fiesen Doktor Whatever die Birne weg. Der Feind bekommt kein Gesicht und die, deren Geschichte wir verfolgen, sind auch alle nicht ganz astrein, zumal ja einer von ihnen ein Maulwurf sein soll.

Wer als Kind schon immer Geheimagent werden wollte, wird sich das mit Dame, König, As, Spion wahrscheinlich nochmal gut überlegen. Man hat keine coolen Gadgets und bekommt nicht jede Frau. Der Job tötet Beziehungen und auch Menschen, und ist dazu auch noch mehr oder weniger langweilig. Zumindest im Vergleich zu allen anderen Agenten in Agenten-Filmen. Das fand ich verdammt gut. Es war dadurch unheimlich realistisch. Gary Oldman bzw. Geroge Smiley ist nämlich kein Vorbild. Er schwingt keine Reden, schießt nicht ein einziges Mal und profiliert sich auch sonst sehr wenig. Es gibt nur eine Stelle, an der er  sich ein wenig öffnet, ansonsten bleibt er ein schweigsamer Beobachter. Auch wenn Gary Oldman den Oscar für den besten Hauptdarsteller wahrscheinlich nicht gewinnen wird (George Clooney und Brad Pitt werden vermutlich von jeder Frau bevorzugt behandelt), so ist die Nominierung doch etwas feines. Zudem gibt es in diesem Film noch Colin Firth, Tom Hardy und Mark Strong.

Ansonsten ist Dame, König, As, Spion ein intelligenter und komplexer, etwas über 2 Stunden dauernder, ruhiger und vielleicht schon melancholischer britischer Film. Ich fand ihn wirklich gut. Die breite Masse wird den Streifen nicht leiden können oder ihn einfach nicht bemerken und das verstehe ich auch.  Schließlich wird, falls ich mich nicht verzählt habe, nur vier mal geschossen. Erinnern tut mich Dame, König, As, Spion ein wenig an The Good Shepherd mit Matt Damon und Angelina Jolie, der jedoch super-langweilig ist. Vielleicht ist eher No Country for Old Men der ähnlichere Film, weil dort auch vieles nur angedeutet wird. Wie dem auch sei, bloß nicht Rascheln oder Biere aufmachen beim Schauen. Vielen Dank.

Regie: Tomas Alfredson (So finster die Nacht, schwedisches TV)

Schauspieler: Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, Mark Strong, John Hurt, Toby Jones

Bewertung:  

 

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