Philipp Lahm: Der feine Unterschied (2011)

Ach Gottchen. Wie sie sich alle aufgeregt haben. Der Völler, die BILD, der Magath und ganz Deutschland! Ein Buch, in dem der erst 28-Jährige Kapitän unserer Nationalmannschaft einfach alles und jeden mit Kacke bewirft! Beispielhaft mal diese Talkrunde:

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Ich frage mich ernsthaft, ob irgendeine der (damals) rumheulenden Personen sich mal das Buch durchgelesen hat. Denn es steht wirklich drin, was aus dem Einband steht: Wie schwer es sein kann, heutzutage professionell dem Fußballsport nachzugehen. Und an dieser Stelle ein herzliches „Fuck-You“ an die Bild-Zeitung, die sich die angeblich so brisanten Stellen rausgeklaubt und kontextfrei vorab veröffentlicht hat. Lahm schreibt drei oder vier Sätze über Völler im gesamten Buch. Die sind nüchtern und nicht wirklich negativ. Das meiste über Magath ist eher positiv. Auch über Van Gaal, Klinsmann und Löw kann man was lesen. Alles sachlich und niemals, ich wiederhole, niemals verletzend / verunglimpfend / beleidigend / herablassend. Nirgends. Drecks-Bild-Zeitung eben. Und sonst so?

Es ist eine Autobiographie, knapp 250 Seiten stark. Beginnend von Lahmis Anfängen als kleiner Bub bis hin zur aktuellen  WM in Südafrika. Ich persönlich bin mit einem eher negativen Eindruck an das Buch gegangen. Ich kenne Lahm bei den Bayern und die Bayern mag ich halt nich so wirklich. Und dann ja noch das ganze dumme Medien-Theater drumherum! Also rechnete ich mit einem Werk der Schande und des Klatsches, durchzogen von bösen Beschimpfungen, supergeheimen Interna und rechtem Gedankengut.

Und was bekam ich? Ein wirklich nettes Buch von einem netten Kerl, der es geschafft hat, sich mit Fußball seine Brötchen zu verdienen. Hier und da liest man Spielverläufe, beispielsweise das 4:0 gegen Argentinien in Südafrika. Das ist ganz unterhaltsam. Man erfährt wie schwierig es ist, wenn man sich verletzt. Leistungsdruck und Erwartungen, die permanent Druck auf einen ausüben. Es wird hier und da der Alltag eines Fußballers deutlich und auch das drumherum, über Privatsphäre wird auch gesprochen.

Mich persönlich interessiert Fußball. Insofern hat es mich auch interessiert, zu lesen, wie man Profi wird. Und das vermittelt das Buch auch. Obwohl Lahm mit Ende 20 noch lange nicht alle Stationen erreicht hat. Es gibt ein Kapitel, in dem er von seinem Engagement als Wohltäter quatscht. Das fand ich ziemlich zäh und langweilig, der Rest war wirklich gut zu lesen. Ob man am Anfang jedes Kapitels in Stichpunkten das Kapitel zusammenfasses muss….ich weiß es nicht. Mir ehrlich gesagt auch egal. Natürlich hat er das Buch jetzt nicht alleine geschrieben. Das hat kein Fußballer. Aber in meinen Augen hat er sich vom Giftzwerg zu einer ehrlichen Persönlichkeit gewandelt. Ist ja auch schon mal was.

Jetzt wäre es mal interessant zu wissen, ob der ganze Schmarn mit den vorab veröffentlichten Zitaten nicht nur ein ganz mieser Werbetrick war. Publicty halt. Der wirkliche Verlierer für mich ist trotzdem die Bild-Zeitung, aber wenn man das Niveau von Kot schon vor Jahren erreicht hat, kann man nicht noch weiter sinken. Auch Rudi Völler hat in meinen Augen viel an Sympathie eingebüßt. Lustigerweise redet keiner mehr darüber und das wird wohl auch in Zukunft keiner mehr tun. Schade, denn meiner unwichtigen Meinung nach hätte Lahm die eine oder andere Entschuldigung verdient.

Wer Fußball mag und gerne ein wenig hinter die Kulissen gucken würde, findet das Buch ok oder sogar gut. So wie auch ich. Dem Rest ist ‚Der feine Unterschied‘ zu langweilig. Es ist kein Meisterwerk der Literatur und auch nicht wirklich spannend. Ein Sachbuch über einen Typen, der Fußball spielt. Wer lieber skandalösen Quatsch lesen will, kauft sich die aktuelle Bild (und kommt in die Hölle). In diesem Sinne:

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Bewertung: 

Ansgar Brinkmann: Der Weiße Brasilianer (2011)

Das Buch ist die Autobiographie des wohl (angeblich) letzten deutschen Straßenfußballers, Ansgar Brinkmann. Wem der Name nichts sagt und wer sowieso nicht auf Fußball steht, kann ab hier getrost nicht mehr weiterlesen.

Brinkmann wird 1969 in Vechta (nicht weit von Bremen und Osnabrück) geboren und erlebt so als Kind bereits den Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 1974 mit.  Als talentierter Spund wird er mit Bayer Uerdingen Deutscher A-Jugend-Meister. Dieser Titel bleibt der einzige in seinem Leben. Danach tengelt er von Verein zu Verein fröhlich durch fast alle Ligen in Deutschland (von der 1. bis zur Oberliga). Dabei beschreibt Brinkmann die vielen kleine Probleme, oft auch aufgrund seiner Person. Ob mit dem Trainer oder anderen Verantwortlichen, irgendwo eckte er immer an und war dann oft gezwungen, den Verein zu wechseln. Das ist schade, denn einer wie er, der mit Oliver Bierhoff und Bernd Schneider zusammen Fußball spielte, hätte wohl auch Chancen auf die Nationalmannschaft gehabt.

Das Buch ist chronologisch sortiert und die einzelnen Kapitel entsprechen jeweils der Zeit in einem Verein (oder mehreren). Nebenbei gibt es neben sportlichen Ereignissen auch immer wieder Anekdoten und Einblicke in die raue Welt des Fußballs.  Allerdings stören sich wiederholende Passagen über Brinkmanns Freidenkertum. Im ersten Drittel gibt es mehrere Abschnitte, wo er abdriftet und erzählen muss, was für ein Sturkopf er ist und deswegen eben manchmal falsche Entscheidungen getroffen hat. Das geht einem auf die Nerven. Ansonsten geht es eher nicht so viel um Fußball im eigentlichen Sinn, sondern mehr um das Drumherum. Das widerum fand ich sehr interessant, da ich als Fußballzuschauer die inneren Abläufe in einem Team bzw. Verein nicht mitbekomme.

Insgesamt erschien mir die erste Hälfte schwächer. Es zieht sich ein gewisses Maß an Überheblichkeit durch das Buch, was sich zum Ende hin aber wieder gibt und mir persönlich Ansgar Brinkmann als doch sympathischen Menschen vermittelt, der auf jeden Fall viel rumgekommen ist und eben von der 1. Bundesliga bis zum Abstieg in irgendeine Oberliga schon alles mitgemacht hat.

Man darf keine großen Botschaften erwarten. Ansgar Brinkman ist ein Fußballer, kein Philosoph. Er lernt weder aus seinen Fehlern noch ist er jedoch ein schlechter Mensch. Mir erschien das Buch vor allem ehrlich mit dem einen oder anderen kindlich-stolzen Moment (dass er z. Bsp. mit Bielefeld die Bayern geschlagen hat). Wenn man sich durch den zähen Anfang kämpft, dann erhält man einen netten Einblick in ein auf alle Fälle nicht langweiliges Leben.

Für mich als jemanden, der Brinkmann noch zur aktiven Zeit kannte, war der ‚Der Weiße Brasilianer‘ ein gutes Buch. Wer noch nie eine Autobiographie gelesen hat, sollte wissen, dass diese gerne auch mal etwas zäh sein können. Es gibt nun mal keinen Spannungsbogen (in der Regel), und man sollte schon eine gewisse Begeisterung oder zumindest ein wenig Interesse für die Person mitbringen.

 

Zitat Ansgar Brinkmann (auf die Frage, ob er sich einen Wechsel nach Katar vorstellen könne): Ich hab‘ noch keinen Bock, so’n bisschen in der Wüste zu spielen. Da sitzen dann ein paar Scheichs in ihren Sesseln, telefonieren während des Spiels und essen Pommes. Dafür bin ich noch zu gut. Obwohl: Montag bei Basler grillen, Dienstag bei Effenberg und Mittwoch bei mir – das könnte lustig werden.

Bewertung: